habe Goethe, ſo erzählte Wilken weiter, in der Loge des Theaters, in dem Körners Trauerſpiel„Roſamunde“ ge⸗ geben wurde, geiſtigen Getränken ſehr lebhaft zugeſprochen und ſei ſehr ausgelaſſen in ſeinen Reden geworden.
Montag den 30. September traf Wilken in Leipzig bei
der Familie Kunze ein, mit der auch Sophie Tiſchbein Ein
nach dem Tode ihres Mannes zuſammengezogen war. gewiſſes Intereſſe für Wilkens damalige äußere Erſcheinung bietet ein Brief Betty Kunzes vom 2. Oktober an ihre
Schweſter in Heidelberg, in dem es heißt:„Wilken hat
eine ſtattliche Corpulenz erworben, daß ich ganz ſtutzig ge⸗ worden bin; er bekommt noch einen rechten Prälaten⸗ bauch!“
Über andere Einzelheiten der Berliner Reiſe, ihre .Dauer, Ergebniſſe, über Bekanntſchaften, die er am künftigen Heimatsort etwa gemacht, liegen ſonſt keinerlei Mitteilungen vor. Nur an einen unangenehmen Vorfall wurde er ſpäter Jahre lang immer wieder in peinlichſter Weiſe erinnert: die
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kaum erhobene Reiſeentſchädigung von 300 Thalern wurde
ihm nämlich aus einer Kommode ſeines Zimmers im Hotel QDarſtellung noch erwas unbeholfen ſei, als fleſsiger Forſcher
de Rome geſtohlen, und es entſtand über die Frage, wer den Schaden zu tragen habe, ein Prozeß, der ſich bis zum 9. März 1820 hinzog und damit endete, daß der Hotel⸗
mußte, manches Verſehen im einzelnen mit unterlief, iſt nicht zu verwundern ¹).
Unterm 7. Januar 1817 erhielt Wilken die nach⸗ geſuchte Entlaſſung aus dem badiſchen Staatsdienſte mit Bezeugung beſonderer Zufriedenheit„über ſeinen im Groß⸗ herzoglichen Dienſt bezeigten Eifer und gute Kenntniſſe.“ „Ihre Entlaſſung,“ ſchreibt Staatsrat Eichrodt am 9. Januar 1817,„iſt ganz anders gefaßt als jene für Herrn Martin und Herrn Profeſſor Fries, und ich hoffe, Sie werden damit vollkommen zufrieden ſein und auch daraus den Beweis entnehmen, daß man mit Ihren ſo vielfältigen, nützlichen und erſprießlichen Dienſtleiſtungen zufrieden war
und daß wir Sie äußerſt ungern verlieren.“
Über die Wiederbeſetzung ſeiner Stelle hatte Eich⸗ rodt ſich ſchon vorher Wilkens eigene Ratſchläge erbeten und von dieſem die Antwort erhalten, unter den damaligen Hiſtorikern kenne er nur einen, der auch zugleich Biblio⸗ thekar ſein könne, nämlich Friedrich Chriſtoph Schloſſer in Frankfurt, der ſich um die dortige Stadtbibliothek viele Verdienſte erworben, in der Geſchichte ſich, wenn auch ſeine
gezeigt habe, auch Lehrer der Geſchichte am Frankfurter
beſitzer Kerſten in allen Inſtanzen zur Erſetzung der Summe
und in alle Koſten verurteilt ward. Über die augenblick⸗
liche Verlegenheit half ein Vorſchuß von 200 Thalern weg, Raumer in Breslau und Dahlmann in Kiel.„Der erſte
den Schuckmann bereitwillig anwies.
Vor dem 20. Oktober iſt Wilken, wahrſcheinlich auch wieder auf demſelben Wege, nach Hauſe gereiſt ¹).
dann in Heidelberg noch die mehrerwähnte„Geſchichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der Heidelberger Bücherſammlungen“ aus, die im folgenden Jahre noch vor ſeinem Abgange nach Berlin erſchien. mit der der vielbeſchäftigte Mann, ohne ſich auf viele Vor⸗ arbeiten anderer ſtützen zu können, dieſe immerhin verdienſt⸗ liche und auch heute noch nicht wertloſe Arbeit anfertigen
¹) Siehe Goethe⸗Zelters Briefwechſel II. 325, wo der Alte unterm 20. Oktober ſchreibt:„Wilken iſt abgereiſet ohne von mir Ab⸗ ſchied zu nehmen, ich wollte ihm einen Brief mitgeben; man hat ihm hier 300 Thaler aus ſeinem Hotel geſtohlen; doch ſoll er überwieſen ſeyn ſeine Stube zweimal nicht(ſoll heißen: nicht zweimal) verſchloſſen zu haben. Der Fall iſt höchſt unangenehm, und in Heidelberg werden ſie ſagen, daß es in Berlin nichts wie Diebe gibt. Doch was geht das mich an? Ich habe 100 Friedrichsd'or verreiſet und ſie mir vor⸗ her verdienen müſſen. Er hat die 300 Rthlr. zur Reiſe aus der Caſſe angewieſen bekommen.“
Lyceum oder der von dem vormaligen Großherzog gegrün⸗ deten Akademiſchen Anſtalt und bei ſeinen Zuhörern ſehr beliebt geweſen ſei.
An zweiter Stelle empfiehlt er Luden in Jena,
iſt ſehr geſchätzt wegen ſeines ſchönen belebten Vortrags, wenn er auch nicht eigentlich zu den gelehrten Hiſtorikern zählt und zuweilen ſehr phantaſtiſch iſt. Der zweite iſt beſonders ein ſehr Im Laufe des Winters 1816/17 arbeitete Wilken
Daß bei der Eile
guter Politiker und könnte außer den hiſtoriſchen Vorträgen unendlich beſſere und nützlichere kameraliſtiſche und politiſche Collegia leſen, als bisher hier geleſen worden; der dritte iſt ein noch junger Mann, der außer einigen Aufſätzen in
¹) Berichtigungen im einzelnen ſ. Zang emeiſter, Bericht über die Bibliothek vom 10. Juni 1875(als Manuſtkr. gedruckt) S. 25; vergl. auch daſelbſt S. 4 u. 5. Über den Irrtum Wilkens, infolge deſſen er in Paris bloß 38 ſtatt 39 Handſchriften reklamierte(ſ. o. S. 27, Sp. 1, A. 4) und ein koſtbarer Vergilkodex(Palat. Lat. Nr. 1631) wieder nach Rom wanderte, ſ. Beil. z. Allg. Zeitung Nr. 30 vom 30. Januar 1876, beſonders Fortſetzung S. 447; über 13 hebräiſche Manuſkripte aus der Palatina, die denſelben Weg gingen, ſ. Allg. Zeitung Nr. 310 vom 6. November 1862; über die eine nicht voll⸗ ſtändig zurückgegebene Handſchrift der Anthologie, von deren letzten 48 Blättern die badiſche Regierung auf Anregung und unter Leitung Zangemeiſters wenigſtens die genaueſten Photogramme herſtellen ließ, die dann ſamt Negativen an die Heidelberger Bibliothek überwieſen wurden, ſ. Allg. Zeitung daſ. S. 448 und den erwähnten Bericht Zangemeiſters S. 5 f. Vergl. auch Toepke, Die Matrikel der Uni⸗
verſität Heidelberg I. 655 A. 3 ff., 656 A. 5, 660. 663. 665, A. 4.


