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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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als auch aus ganz beſtimmten ihn ſelbſt betreffenden Äuße⸗ rungen wiſſe, ihn zum Herbſt des Jahres nicht entlaſſen werde. Dagegen erklärte er ſich bereit, die nächſten Herbſtferien in Berlin zuzubringen, um ſich vorläufig vom Zuſtand der Bibliothek zu unterrichten. Nachdem dann der treue de Wette inzwiſchen unermüdlich weiter den Vermittler für den Freund gemacht und bei der Abneigung des Miniſters gegen eine ſolche Verzögerung von Wilkens Amtsantritt einen ſchweren Stand dabei gehabt hatte, ſchreibt Schuckmann dieſem unter dem 5. September, hinſichtlich des fraglichen Zeit⸗ punktes gebe er denn, wenngleich ungern, nach, nehme aber ſein Anerbieten, nach Berlin zu kommen, mit Vergnügen an, da die vorläufige Überſicht, die er ſich von der Biblio⸗ thek verſchaffen werde, nicht anders als von Nutzen für dieſe Anſtalt ſein könne, und werde ihm zu dieſer Reiſe auch die Summe von 300 Thalern anweiſen laſſen ¹).

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Am 24. September 1816 reiſte denn Wilken für

einige Wochen nach Berlin und zwar in Geſellſchaft des alten Komponiſten Karl Friedrich Zelter, der von einer Badereiſe, auf der er auch in Heidelberg ſich aufhielt, nach Berlin heimkehrte ²).

Unweit Weimar begegnete ihnen Luiſe Im hoff, die jüngſte Schweſter Amalie von Helvigs in Berlin, die gerade nach Heidelberg zu ihrer damals dort wohnenden älteſten Schweſter Marianne de Ron reiſte ³); Wilken kannte auch Luiſe von Heidelberg her, da er engbefreundet mit Amalie war), und erhielt ſchon jetzt auf der Landſtraße deren Brief, den erſten Willkommensgruß aus Berlin. Am 28. September kamen ſie in Weimar an. Von dort ſchreibt Wilken dann ſelbſt am 29. an ſeine Frau:

Mein alter Reiſegefährte hat mir die Reiſe gar Sreundes, deſſen Geſpräch über orientaliſche Dinge ohne Zweifel Werth

angenehm gemacht; ich weiß nicht, wie die 6 Tage, die wir bis hierher gebraucht haben, verfloſſen ſind; ſeine Heiterkeit und gute Laune iſt unverwüſtlich. Goethe hat mich ſehr freundlich aufgenommen ⁵³); wir kamen geſtern früh kurz

¹) Die ganze Angelegenheit, nächſt den erwähnten Briefen und Urkunden, nach den Miniſterialakten. Hiernach iſt auch Köpke, Die Gründung der Univerſität Berlin, zu berichtigen, der S. 124 als Datum der Berufung Wilkens den 19. Januar 1816 angiebt. über die Verhandlungen mit dieſem in den Jahren 1810 und 1811 ſagt er nichts.

²) Vergl. Goethes und Zelters Briefwechſel II. 282 ff.

³) H. v. Biſſing, Amalie v. Helvig, S. 371.

¹) Daſ. S. 279. 325.

*) Er brachte ihm auch eine Empfehlung von Sulpiz Boiſſerée, der Goethe auch ſchon über Wilkens Pariſer Reiſe Mitteilungen ge⸗ macht hatte(Sulp. Boiſſerée II. 67); unter dem 21. September ſchreibt er an Goethe:Hofrat Wilken, der als künftiger Bibliothekar in Berlin Zelter begleitet, wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen; er war zufällig jedesmal verreiſt, als Sie uns hier beſuchten; da er

vor 12 Uhr hier an und aßen gleich den Mittag oben bei ihm; er wurde ſelbſt ſehr bald vertraulich, und den Abend, den ich mit ihm in der Comödie war, bin ich faſt nicht aus dem Lachen gekommen über die Schwänke und Poſſen, die er vorbrachte.

Leider hatte aber Goethe mir gleich eine gar traurige Nachricht für meinen guten alten Zelter mitzutheilen und ging mit mir zu Rath über die beſte Weiſe, ſie ihm bei⸗ zubringen. Man hatte Goethe um dieſen traurigen Dienſt gebeten. Seine jüngſte Tochter nämlich, ein Mädchen von 17 Jahren, ſein Liebling, iſt vor wenigen Tagen geſtorben; er hat nicht die leiſeſte Ahnung nur davon, daß ſie krank war; er erzählte mir auf der Reiſe gar viel von dieſer Tochter und von ſeiner Sehnſucht ſie wieder zu ſehen. Eben war er bey mir und ſagte, daß er mir einen Brief an ſie mitgeben wollte, um dieſen in Leipzig auf die Poſt zu ſchicken. Ich reiſe heute noch weiter nach Leipzig; Goethe hat ihn faſt mit Gewalt gezwungen, heute zu ihm

zu ziehen, er will ihm dann die Trauerbotſchaft auf die

beſte Weiſe beybringen und ihn ſo lange bey ſich behalten als es nur irgend möglich iſt. Wahrſcheinlich werde ich alſo ohne ihn nach Berlin gehn. ¹)

Den Seinigen hat Wilken ſpäter dann erzählt, daß Goethes warme, herzliche Teilnahme für den unglücklichen Vater wahrhaft ergreifend geweſen ſei²). Einige Stunden war Wilken auch mit Goethe allein, und während derſelben ward viel über orientaliſche Litteratur geſprochen; für dieſe intereſſierte ſich Goethe damals um ſo mehr, als er von 1814 18 ſeinenweſtöſtlichen Divan dichtete. Am Abend

mit Zelter reiſt, ſo bedarf es keiner weiteren Empfehlung dieſes

für Sie haben wird. Sulp. Boiſſerée II. 138.

¹) Über dieſen Beſuch Zelters und Wilkens ſchreibt auch Goethe an Sulpiz Boiſſerée(a. a. O. II. 143):Es ſoll mir eben diefes Jahr nichts von Glück ſchlagen. Indem ich Zeltern mit Verlangen erwarte, kommt ein Brief von Berlin, der den Tod ſeiner jüngſten und liebſten Tochter ankündigt, die ihm als haushaltend ſo nötig war. Das mußte ich ihm nun zum Empfang melden. Zwar, wie Sie ihn kennen, ſtand er bei dieſem Schlag wie eine alte Eiche, der es auf einen Aſt mehr oder weniger nicht ankommt. Ich von meiner Seite holte hervor, was ich vermochte, um irgend ein augenblickliches Intereſſe zu erregen, nach zwei Tagen eilte er Herrn Wilken nach

und ſo endigte ſich eine heitere und glücklich vollbrachte Reiſe an

einem Trauervorhang. Goethe hat auch in denTages⸗ und Jahres⸗ heften, Hempel'ſche Ausgabe Bd. 27, S. 228, der Begegnung mit Zelter und Wilken gedacht.

²) Die erſte Mitteilung über ſeinen Verluſt machte Goethe dem unglücklichen Vater doch ſchriftlich; der Brief, mit dem er jenes Schreiben von Zelters Schüler Lichtenſtein begleitete, findet ſich im Briefwechſel Goethes mit Zelter, herausgeg. von Riemer, II. 318, dieſes letztere daſelbſt S. 318 20.