ihm erteilten Auftrage gemäß vertraulich ſich bei Wilken er⸗ kundigt, ob er jetzt geneigt ſei einen erneuten Ruf nach Berlin anzunehmen. Wilken hatte am 5. April von Rom aus geantwortet und ſich bereit erklärt dem Rufe zu folgen; dazu beſtimme ihn, ſchreibt er, ganz beſonders die Hoff⸗ nung, hinſichtlich eines wiſſenſchaftlich anregenden Umgangs unendlich zu gewinnen. Dieſen Brief hatte de Wette dem Miniſter vorgelegt, und daraufhin berichtete dieſer nun unter dem 24. Mai 1816 an den König und beantragte Wilkens Ernennung.
„Vor allen ſcheint,“ ſo heißt es in dieſem Schriftſtück, „der Profeſſor Wilken in Heidelberg Berückſichtigung zu verdienen. Er hat in den Fächern der Geſchichte und der orientaliſchen Litteratur durch Vortrag und Schriften ſich einen wohlbegründeten Ruf erworben, und die von ihm angefangene und vollendete muſterhafte Organiſation und Ordnung der bedeutenden Heidelberger Univerſitätsbibliothek zeugt von ſeiner Thätigkeit und ſeiner umfaſſenden prak⸗ tiſchen Kenntnis des Bibliotheksweſens.“ Der Antrag war auf Wilkens Ernennung zum erſten Bibliothekar mit einem Jahrgehalt von 750 Thalern und zum ordentlichen Pro⸗ feſſor in der philoſophiſchen Fakultät mit 1000 Thalern jährlichen Gehalts gerichtet.
In Heidelberg wieder eingetroffen, fand Wilken auch einen Brief Boeckhs vor, der beauftragt war ihm gleich falls zuzureden und ſich dieſes Auftrags auch geſchickt ent⸗ ledigte.„Ich glaube nicht“, ſchreibt dieſer am 1. Mai,„daß der Gelehrte irgendwo ſo angenehm als hier und in einem ſo freien wiſſenſchaftlichen Umgange leben kann; ſoll ich nicht allein nach mir, ſondern auch nach allen übrigen urtheilen, ſo werden Sie es niemals bereuen, hierher ge⸗ kommen zu ſein, wenigſtens iſt kein einziger unter allen Profeſſoren hier mit ſeiner Lage unzufrieden. Ohne Zweifel wird auch die Akademie der Wiſſenſchaften, ſobald Sie den
könnten: bedenken Sie aber, unter welchen weit günſtigeren Umſtänden als im J. 1811 Sie hierher gehen würden! Damals war alles in ahnender banger Erwartung, und der Boden ſchwankte unter den Füßen. Sollten jetzt auch noch ſtürmiſche Zeiten kommen, ſo ſind uns dieſe gerade erwünſcht, ein vollkommener Friede iſt uns noch nicht heilſam, der gute Geiſt muß erſt noch mächtiger und die alten Feig⸗ und Finſterlinge, die ſich jetzt wieder erheben wollen, in ihr Nichts zurückgeſchreckt werden. Für das Ganze aber iſt nichts zu fürchten, Preußen iſt durch ſeine innere Kraft unüberwindlich. Und
welche Ausſichten eröffnen ſich für die Künſte und Viſſenſchaften!
Der König hat von ſeinen Feldzügen große liberale Ideen mit⸗ gebracht, wohin die Errichtung eines Muſeums, der Bau einer großen Kirche gehört. Die Bibliothek muß auch weit größer werden, und Sie ſollen der Baumeiſter ſeyn!“— Dieſe begeiſterten Zeilen be⸗ rühren eigentümlich, wenn man daran denkt, daß wenige Jahre nach⸗ her ihr Schreiber aus Berlin ins Elend wandern mußte!
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Ruf hierher angenommen haben, Sie zum Mitglied ernennen, da Sie bisher Correſpondent waren und als Hiſtoriker eine weſentliche Lücke ausfüllen. Auch ſcheint es mir doch unvermeidlich, daß Heidelberg abnehmen wird, zumal die juriſtiſche Dreieinigkeit ¹) auseinandergeriſſen iſt und nur noch eine Perſon dieſer Gottheit dort ihren Sitz hat. Allerdings werden hier durch die hohen Preiſe der Studenten⸗ wohnungen vorzüglich die Theologen verſcheucht, welche die Halliſchen Freitiſche unwiderſtehlich anlocken; aber unſere Anzahl im Ganzen iſt doch bedeutend, jetzt ſchon über 500. Hoffentlich ſollen ſich auch die politiſchen Verhältniſſe aus der Stagnation, in welche ſie gerathen ſind, wieder hervor⸗ arbeiten.“
Auch von de Wette liefen neue Briefe vom 7. Mai und vom 1. Juni ein, in denen er weiter zuredet.„Schleier⸗ macher,“ heißt es in dem erſten,„läßt Sie grüßen und Ihnen ſagen, daß Sie auf die Erwählung zum Mitglied der Akademie zählen können, und daß Ihnen demzufolge ein Gehalt von anfangs 200 Thlr.(wenigſtens nach einem Jahr), worüber der Miniſter nicht zu disponieren hat, gewiß iſt.“
In Heidelberg hatte ſich in der Zwiſchenzeit, vielleicht gerade durch Boeckhs Beziehungen zu ſeiner badiſchen Heimat, die Nachricht von dem an Wilken ergangenen Rufe ſo verbreitet, daß dieſer zu ſeiner peinlichen Verlegenheit von vielen Seiten mit Fragen angegangen wurde, ohne ſie doch, bevor er etwas Offizielles darüber in Händen hatte, aufrichtig beantworten zu dürfen. Beſonders drückend war ihm dies Reizenſtein gegenüber, dem er für ſein hohes Wohlwollen beſonderes Vertrauen ſchuldig war. De Wette, dem er ſeine Bedrängnis ſchilderte, ſtellte daher dem Miniſter vor, daß durch eine Verzögerung Wilken leicht wieder ver⸗ loren gehen könne, und ſo erging denn unterm 3. Juni wirklich eine vorläufige Benachrichtigung von ſeiten Schuck⸗ manns an dieſen, daß ſeine Ernennung mit dem oben⸗ erwähnten Gehalte, neben dem ihm auch eine ziemlich be⸗ queme Wohnung im Bibliotheksgebäude angewieſen und eine Reiſeentſchädigung von 500 Thalern bewilligt werden ſolle an allerhöchſter Stelle beantragt worden ſei. Am 19. er⸗ teilte auch der König dieſem Antrag des Miniſters die Ge⸗ nehmigung,„da er ſich von der Nothwendigkeit überzeuge, einen durch ſeine Eigenſchaften bewährten Gelehrten an die Stelle des erſten Bibliothekars zu ernennen“ ²). Unter dem 27. Juni wurde Wilken endlich ſeine Ernennung in einem
¹) Heiſe und Martin hatten Heidelberg verlaſſen, Thibaut blieb zeitlebens da.
²) In derſelben Kabinettsordre wurde auch die von dem Biblio⸗ thekar Henry nachgeſuchte Dienſtentlaſſung ausgeſprochen; derſelbe führte


