1816—1823.
Bereits unterm 18. Dezember 1814 hatten Rektor
und Senat der Univerſität Berlin in einem Berichte an das Departement des Kultus im Miniſterium des Innern die Notwendigkeit einer Reform der Königlichen Bib⸗ liothek, die ſich in nicht geringer Verwirrung befand, aus⸗ einandergeſetzt, einer Reform, die unabweisbar ſei, wenn dieſe Anſtalt ihrem Zwecke und dem Gebrauche, den die neubegründete Univerſität von derſelben zu machen habe, ent⸗ ſprechen ſolle; als Haupterfordernis war dabei eine kräftige und ausſchließlich dem Inſtitute gewidmete Direktion hinge⸗ ſtellt worden. Als vorzüglich geeignet zur Übernahme einer ſolchen wurde ſchon damals neben dem bekannten Germa⸗ niſten G. F. Benecke in GCöttingen auch Friedrich Wilken genannt. Leiter der Anſtalt war in jener Zeit ſeit 1784 der im 66. Lebensjahre ſtehende, auch als Schriftſteller bekannte Bibliothekar J. E. Bieſter, mit Nicolai ein Hauptvertreter der„Berliner Aufklärung“, ein Mann, der ſich manche Verdienſte um die Bibliothek erworben hatte und den man daher, obwohl er der größeren Aufgabe nicht mehr ge⸗ wachſen war, durch Entlaſſung oder Penſionierung nun nicht kränken wollte. Da ſtarb dieſer am 20. Februar
1816, und noch am ſelben Tage erneuerten Rektor und Ober⸗Bibliothekars und Profeſſors bey der Univerſität, wozu ohne
Senat in einer zweiten Eingabe ihren früheren Antrag. Zwar bewarb ſich nunmehr der bisherige zweite Bibliothekar Henry um Bieſters Stelle, und es ſcheint auch, als ob er Hardenberg für ſich zu gewinnen gewußt habe, der wenigſtens den damaligen Chef des Kultus⸗Departements,
von Schuckmann, eſſuchte, ſich vor Wiederbeſetzung der⸗
ſelben mit ihm zu benehmen. Indeſſen beabſichtigte Schuck⸗ mann keinen der vier damaligen Bibliotheksbeamten in dieſe Stellung zu befördern. In ſeiner Antwort an den Staats⸗ kanzler erklärt er, Henry ſei derſelben nicht gewachſen, auch der bisherige dritte Bibliothekar, Buttmann, ſei trotz ſeiner Gelehrſamkeit nicht dafür geeignet ¹), der Cheva⸗
¹) Es fehlte Buttmann an der nötigen Ordnungsliebe; ich laſſe
es alſo dahingeſtellt, ob es in allen Punkten zutrifft, wenn A. Butt⸗
mann in der Allg. D. Biogr. von ſeinem Vater erzählt:„Seine liebſte und tägliche Beſchäftigung war fortwährend die auf der König⸗
lier Liàno, der bisherige vierte Bibliothekar, ſei gar nicht zu gebrauchen, und Spiker, als der jüngſte, ſei ſelbſt⸗ redend nicht zu berückſichtigen.
Während Schuckmann nun zunächſt den Profeſſor J. S. Vater in Königsberg, den Vorſtand der dortigen Univerſitäts⸗Bibliothek, ins Auge faßte, über den auf des Miniſters Aufforderung der Oberpräſident von Auerswald auch einen ſehr günſtigen Bericht einſandte, wandte er ſich
doch bald auf die Anregung de Wettes lieber Wilken zu.
Inzwiſchen hatte nämlich de Wette, den es noch ſehr ſchmerzte, fünf Jahre vorher, wenn auch in beſter Abſicht, Wilken eine Enttäuſchung bereitet zu haben(ſ. o. S. 22, Sp. 2), und der ſchon durch ſeine Beiträge zu den Heidelberger Jahrbüchern in Verbindung mit ihm geblieben war, in dem oben(ſ. S. 30, Sp. 2) erwähnten Briefe vom 2. März 1816, der den Adreſſaten freilich erſt in Rom erreichte ¹), einem
lichen Bibliothek, deren leitende Seele er nach Bieſters 1816 erfolgtem Tode blieb, obwohl er in richtiger Würdigung ſeines
Veſens die Stelle eines erſten Bibliothekars beharrlich ausſchlug und
ſtatt ſeiner den berühmten Hiſtoriker Friedrich Wilken in Vorſchlag brachte.“— Das Verhältnis zwiſchen beiden Gelehrten und ihren Familien war jedenfalls ſtets das beſte.
¹)„Haben Sie Luſt“, heißt es darin,„die doppelte Stelle eines
Zweifel auch noch die eines Mitgliedes der Kgl. Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften kommen wird, anzunehmen? In Anſehung des Gehaltes wird man Sie zu entſchädigen, gewiß auch zu verbeſſern ſuchen. Nehmen Sie zuerſt an, daß Sie von der ganzen Univerſität einmüthig ver⸗ langt ſind— alle hoffen von Ihnen die Herſtellung der Bibliothek und werden Sie gern als Hiſtoriker und Orientaliſt thätig ſehen. Unſer Corpus iſt nicht vom ſchlechteſten Geiſte beſeelt, und es iſt ehrenvoll, von einem ſolchen Verein einmüthig gleichſam mit offenen Armen erwartet zu werden!
„Sodann der Auftrag, eine Bibliothek, welche mit der Göttinger wetteifern ſoll, einzurichten, zu ſchaffen. Sie ſollen der Schöpfer dieſes Werkes ſeyn, auf Sie ſind aller Augen ſehnend gerichtet, nur auf Sie iſt alles Vertrauen geſetzt! Ich darf ſagen, daß es für Sie im Namen der Viſſenſchaft Pflicht iſt, dieſem Rufe zu folgen, ohne Sie kann das nicht geſchehen, was geſchehen ſoll.“ Er bittet ſodann ihn nicht bloßzuſtellen, da er immer verſichert habe, Wilken ſei zu kommen bereit, und da auf ſeine Anregung die Sache ſo weit ge⸗ diehen ſei.„Es könnten freilich“, fährt er fort,„Umſtände eingetreten
ſein, die Ihnen die Neigung hierher zu kommen benommen haben 5*


