33
ſeiner Angaben gegenüber Zeune zu befragen, ließ aber vorerſt die Nachforſchungen nach dieſer Handſchrift fallen ¹), um deſto eifriger diejenigen nach dem Otfried aufzunehmen.
Zunächſt ließ Ramdohr ſich bereit finden, Conſalvi um die Erlaubnis zur Durchſicht ſämtlicher Inventarien der Vatikaniſchen Bibliothek für Wilken zu bitten, die der Kardinal auch anſtandslos gab. Bei näherer Prüfung der⸗ ſelben, an der auch Ramdohr teil nahm, entdeckte Wilken am 26. April wirklich unter der Nummer 52 der lateiniſchen Manuäſkripte die koſtbare Handſchrift des Otfried. Fand ſich auch ſonſt nichts, was ſich auf die deutſche Litteratur
beziehen ließ, ſo ſchienen doch wenigſtens vier weitere
Codices für die Geſchichte der Heidelberger Univerſität nicht unwichtig zu ſein. Schon am nächſten Tage überreichte Wilken daher dem preußiſchen und dem öſterreichiſchen Geſandten ein Schreiben, worin er die Gründe auseinanderſetzte, aus denen er die fünf Handſchriften glaube in Anſpruch nehmen zu können, und erbat ſich beider Verwendung bei dem Kardinal, die am 20., bez. 21. auch wirklich erfolgte. An dieſen richtete er dann ſelbſt noch die Bitte, ſich bei dem Papſte für ſein Anliegen zu verwenden, und zwar in einem im Konzept erhaltenen Schreiben vom 29., in dem er auf das beſchränkte, bloß lokale Intereſſe hinwies, welches die letztgenannten vier
Handſchriften darböten; er zeigte darin weiter, daß auch
Otfried bloß für Deutſchland und die altdeutſche Sprache von Bedeutung ſei, dagegen jedem ausländiſchen Gelehrten, der nicht im Beſitze der Hülfsmittel deutſcher Bibliotheken ſich befinde,— ganz abgeſehen von dem geringen Intereſſe, das er demſelben biete— auch unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenſetze, wogegen das Werk im Verein mit den anderen zurückgegebenen Hülfsmitteln für die deutſche Forſchung von ungeahntem Nutzen werde ſein können; auch ſei es nur ein Zufall und beruhe auf einem Irrtum, daß das Manuſkript wegen ſeiner lateiniſchen Vorrede ſtatt unter die deutſchen in die lateiniſchen Codices einregiſtriert worden ſei. Faſt vierzehn Tage blieben die Noten beider Ge⸗ ſandten und ihre Bitte um Beſtimmung der Zeit für die feierliche Ubergabe der Codices ohne Antwort. Am 11. Mai endlich erhielt Wilken ein des Kardinals, in dem ihm die Gewährung des Anſuchens ¹) Eine vollſtändige Vatikaniſche Handſchrift des liedes exiſtiert überhaupt nicht. Die Angaben Schlegels, Zeunes und Glöckles ſind ſomit nur auf die ſogenannten„Heidelberger Bruch⸗ ſtücke“ des Liedes zu beziehen, die ſich in Nr. 844 der von Wilken mitgebrachten Bände befinden(ſ. Wilken a. a. O. S. 263 u. 543);
Schreiben
Nibelungen⸗
eröffnet ward, und am 12. teilte Baldi ihm mündlich mit, daß er von dem Kardinalſekretär beauftragt ſei, ſich hin⸗ ſichtlich der Ubergabe der Manuſkripte mit einem von beiden Miniſtern und Wilken unterſchriebenen und unterſiegelten Empfangſchein zu begnügen.
Am 13. Mai wurde die von Baldi entworfene, von Conſalvi und den beiden Miniſtern gebilligte Empfangs⸗ beſcheinigung ausgefertigt, und noch am ſelben Tage ließ Wilken nun endlich ſeine Schätze aus dem Vatikan in das Magazin des Spediteurs Scheri bringen, wo ſie in vier große Kiſten ſorglich und ſicher verpackt wurden).
Nachdem am 15. Mai der von Wilken brieflich am 13. vom Kardinal erbetene Paſſierſchein für die Bücher⸗ kiſten eingetroffen war, ging der Transport in Begleitung des Unterpedells Haffner gerade um die Mittagsſtunde des 17. Mai durch die Porta del Popolo aus Rom ab und nahm den Weg über Foligno und Peſaro nach Bologna.
Während ſeines faſt achtwöchentlichen Aufenthalts in Rom hatte Wilken trotz aller amtlichen und wiſſenſchaft⸗ lichen Thätigkeit— er ſuchte auch auf der Vaticana nicht ohne Erfolg nach orientaliſchen Quellen für die Kreuzzüge — nach Ausweis des ausführlichen Tagebuchs doch Zeit gefunden um alle wichtigeren Kunſtſammlungen, Kirchen, ſowie hiſtoriſch merkwürdigen Punkte in Rom und ſeiner Umgebung, z. B. Tivoli, zu beſuchen, das Volksleben zu ſtudieren, geiſtliche Konzerte zu hören, Gelehrte, wie den vielſeitigen Sprachforſcher Caſtiglione*), Künſtler wie Overbeck und Cornelius, Ernſt Platners), Jakob Linckh, den Landſchaftsmaler Joſeph Anton Koch ¹), den Kupferſtecher W. F. Gmelin(1760— 1820), den„Maler Müller“, die beiden Brüder Franz und Johann Riepen⸗ hauſen aus Göttingen, Thorwaldſen und Canova, den Hiſtorienmaler Vincenzo Camuccini(1773— 1844) teils in ihren Ateliers, teils in ihren Familien zu beſuchen, und endlich auch noch Beziehungen zu politiſch hervor⸗ ragenden Perſönlichkeiten anzuknüpfen, wie mit dem oben— genannten Prinzen Friedrich von Gotha, dem nieder⸗
¹) A. Ruland ſucht in einem Aufſatze des Serapeums, XVII. Ihrg., Sonderabdruck(Leipzig, Weigel 1856) S. 38 ff. wahrſcheinlich zu machen, daß im Gegenſatze zu Wilkens Behauptung S. 262 ſeiner Geſchichte der Bildung ꝛc. der Heidelberger Bücherſammlungen nicht alle deutſchen Handſchriften aus Rom nach Heidelberg zurückgekommen, vielmehr 610
Manuüſkripte der Kurfürſtlichen Privatbibliothek dort verblieben ſeien.
ſie ſind behandelt von v. d. Hagen in ſeiner„Germania“ I. 180 ff.
(ſ. beſonders auch die Anmerkung daſelbſt); Zeune ſelbſt äußert ſich über die ganze Sache ebenda S. 100 f.
²) Carlo Ottavio C., 1784—1849, der beſonders 1819 wegen der von ihm begonnenen Überſetzung des(von Angelo Mai auf den Mailänder Palimpſeſten entdeckten) Ulfilas viel genannt ward.
³) 1773— 1855; ſ. über ihn die Allg. D. Biogr.
⁴) 1768— 1839; er war 1791 aus der Karlsſchule entflohen. S. Müller⸗Klunzinger, Künſtlerlexikon.
5


