Druckschrift 
1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ländiſchen Geſandten von Reinhold), dem württem⸗ bergiſchen von Keller, den mehrgenannten Geſandten Lebzeltern und Ramdohr, die ihn alle wiederholt zur Tafel zogen oder in ihre Familien einführten.

Auch Conſalvi lud ihn oft zu Tiſche*) oder zum Früh- endlich am 8. Juli ebenfalls glücklich anlangte.

ſtück ein und behandelte ihn trotz ſeiner vielen Arbeit die wenige Wochen ſpäter eingeführte neue Verfaſſung für den Kirchenſtaat war eben in Vorbereitung mit der äußerſten Artigkeit und Freundlichkeit. Den großartigen Ceremonien der Oſterwoche, der großen Meſſe und dem Miſerere in der Siyxtiniſchen Kapelle, der Benediktion von der äußeren Loge der Peterskirche aus, der Palmenweihe, der Fußwaſchung und der Apoſtelſpeiſung konnte Wilken in der unmittelbaren Begleitung des Kardinals, der ihm in der freundlichſten Weiſe ſelbſt die Gebräuche erklärte, oder an einem von dieſem auf das fürſorglichſte ihm ausgeſuchten Platze beiwohnen. Er beſuchte auch den früheren Kardinal⸗ Erzbiſchof von Paris, damaligen Bureauchef des Staatsſekre⸗ tariats, Maury, der einſt Mitglied der franzöſiſchen Natio⸗ nalverſammlung geweſen war, ſah bei Conſalvi den Kardinal Pacca und den greulichen Kardinal Ruffo und verkehrte auch mit dem dort ihm bekannt gewordenen ehemals preu⸗ ßiſchen Diplomaten, dem übel berüchtigten Luccheſini, der, ſeit ſeiner Entlaſſung aus preußiſchen Dienſten litte⸗ rariſch beſchäftigt, an verſchiedenen Orten Italiens lebte.

Nach Abſendung der Bücherladung blieb Wilken ſelbſt noch zwei Tage in Rom, um durch beſondere Schreiben noch ſeinem Dank gegen Ramdohr und Lebzeltern Ausdruck

zu geben, welche höflich antworteten, und empfing am

17. Mai auch noch den Beſuch des Kardinal-Staats⸗ ſekretärs Conſalvi ſelber, der ihm ſein eigenes franzöſiſches Schreiben an die Profeſſoren der Heidelberger Univerſität ¹) ſowie das die Rückgabe der Handſchriften betreffende latei⸗ niſche Breve des Papſtes) in eigener Perſon überbrachte.

Sonntag den 19. Mai verließ er Rom und traf am nächſten Tag in Foligno und nach mehrtägigem Aufenthalt

¹) Johann Gotthard von R.(17711838), ein Kamerad und Freund Schillers von der Karlsſchule her, auch mit Klopſtock befreundet,

²) Noch am Tage ſeiner Abreiſe erhielt Wilken von ihm einen (mir vorliegenden) Brief mit einer Einladung zur Tafel en petite société für den 23. Mai.

²) Eine Abſchrift des für Wilken ſehr ſchmeichelhaften Schrift⸗ ſtückes liegt mir vor.

) Abgedruckt in dem kurzen Bericht Wilkens in den Heidel⸗ berger Jahrbüchern 1816. Intelligenzblatt Nr. 3. S. 27.

in Florenz am 1. Juni nochmals in Bologna mit dem Transport zuſammen, ordnete in Modena die Douane⸗ geſchäfte, um dort eine Offnung der Kiſten abzuwenden, und traf am 13. Juni wieder in Heidelberg ein, wo der von ihm gehobene Bücherſchatz über Bozen und Konſtanz

Im Verein mit den im Jahre zuvor aus Paris er⸗

haltenen Manuſkripten ſtellten die durch Wilkens zweite Reiſe

der Univerſität zurückgewonnenen Handſchriften, unter denen der Otfried ausſchließlich durch Wilkens eigene Maßregeln zurückgewonnen worden iſt, einen wiſſenſchaftlichen Schatz dar, wie keine andere deutſche Lehranſtalt einen gleichen beſitzt, und insbeſondere war die reiche Sammlung der wiedererhaltenen deutſchen Manuſkripte¹) einzig in ihrer Art und bildet eine reiche Fundgrube ſowohl für die Geſchichte der deutſchen Sprache, wie für die Geſchichte des Vaterlandes und beſonders der wiſſenſchaftlichen Beſtre⸗ bungen in Deutſchland.

Die Reiſe Wilkens hatte 110 Tage gedauert und nach ſeinen auch in den Einzelheiten intereſſanten Notierungen 3538 fl. und 5 kr. Koſten verurſacht; dazu kamen aber für den Transport der vier zuſammen 4485 Pfund wiegenden Kiſten noch 1022 fl. 55 kr. und für Ver⸗

packung 171 fl. 45 kr., ſo daß ſich die Geſamtkoſten der

Überführung der Bücher aus Rom auf 4732 fl. und 45 kr. beliefen; dieſe übernahm die Staatskaſſe für die Uni⸗ verſität. Unter Genehmigungſeiner mäſigen Unkoſten⸗ berechnung wurde ihm am 4. Novemberdie beſondere Zufriedenheit des Großherzogs Karl über ſeinen mit Eifer und Klugheit vollzogenen Auftrag zu erkennen gegeben.

Schon während der erſten Tage von Wilkens Auf⸗ enthalt in Rom war, wie oben erwähnt, ein Brief des ihm befreundeten de Wette an ihn gelangt, der ihn über ſeine Geneigtheit einen Ruf nach Berlin anzunehmen befragte. Dieſer Brief, einſtweilen nicht direkt beantwortet, gab jetzt ſeinem Leben die weitere Richtung: zu Oſtern 1817 ſchied

er von dem Wirkungskreis ſeiner erſten Mannesjahre, um

für den letzten Teil ſeines Lebens²) der nunmehr vor⸗

war ſelbſt Dichter und auch wiſſenſchaftlich thätig. S. Allg. D. Biogr. nehmſten und berühmteſten deutſchen Hochſchule zu Berlin

anzugehören.

¹) Sie iſt im Jahre 1888 noch vermehrt worden durch die koſtbare Maneſſiſche Handſchrift, die durch Umtauſch aus Paris(unter einem Koſtenaufwand von 520 000 Mark) nach Heidelberg gelangte.

²) Der Verfaſſer gedenkt dieſen im nächſten Programm der Anſtalt zu behandeln.

L24 2 S8 56988 Druck von L. Döll in Kaſſel.