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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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zu unterſtützen, aber die Empfindlichkeit des preußiſchen Hofes gegenüber dem öſterreichiſchen Geſchäftsträger keines⸗ wegs zu verbergen. Als nun Ramdohr bei Conſalvi ver⸗ langte, bei der Übergabe der Mannſkripte zu aſſiſtieren,

wurde von dieſem auch die Gegenwart des öſterreichiſchen

Geſandten verlangt, und zwar um ſo mehr, als der Staats⸗ ſekretär inzwiſchen den geographiſchen Irrtum erkannt hatte, vermöge deſſen er Heidelberg für eine preußiſche Uni⸗ verſität gehalten hatte. es ſei nunmehr auch ein förmliches Inſtrument über den vor⸗ zunehmenden feierlichen Akt der Übergabe abzufaſſen, worauf erſt die Manuſkripte verpackt und abgeſandt werden dürften; und da nun der öſterreichiſche Geſandte Lebzeltern, von Metter⸗

nich nach Verona beſchieden, erſt am 27. April nach Rom

zurückkehrte, ſo entſtand hierdurch ein Verzug von mehr als drei Wochen. Auch Baldi wurde wegen Ramdohrs jetzt ſchwieriger, und während er früher Wilken allein die Vergünſtigung angeboten hatte, am 16. April, ſchon in der Oſterwoche, die Vergleichung der Handſchriften mit dem Inventarium vornehmen zu dürfen, weigerte er ſich, als am beſtimmten Tage auch Ramdohr mit dieſem erſchien, in dieſer zu den Ferien der Bibliothek gehörigen Woche ſich mit der Angelegenheit zu befaſſen. Abſchrift des Inventars erſt am 22. und begann noch am ſelben Tage die Vergleichung zunächſt dieſer Abſchrift mit dem Originalinventar; aus letzterem ergänzte er ſie auch noch, da er ſie unvollſtändig fand, und dieſes Geſchäft nahm drei Tage in Anſpruch. Bei der darauf vorgenommenen Vergleichung der Handſchriften ſelbſt mit dem Inventar über⸗ zeugte er ſich, daß Baldi auf das gewiſſenhafteſte alle noch vorhandenen deutſchen Handſchriften vollſtändig abgegeben hatte; nur vermißte er, nicht bloß unter den ausgehän⸗ digten Handſchriften, ſondern auch im Originalinventar eine von Zeune in ſeiner Ausgabe des Nibelungenliedes als fünfte der ihm bekannten bezeichnete Handſchrift des Nibelungenliedes, die ſich in der Vaticana befinden ſollte, und weiter fehlte beſonders des Mönches Otfried hochbe rühmte altdeutſche Evangelienharmonie; beide galt es nun noch aufzuſpüren ¹).

1815 hatte nach Rom gehen ſollen, traf wegen Verzögerung ſeiner Inſtruktion erſt am 7. Okt. 1816 in Rom ein.(Lebensnachrichten über B. G. Niebuhr. II. S. 116. 176.) Über Ramdohr(17571822), der, urſprünglich Juriſt und Kunſtſchriftſteller, erſt in ſeinen letzten Lebens⸗ jahren als Diplomat thätig, 1815 Reſident in Rom, 1816 Geſandter in Neapel war, ſ. die Allg. D. Biogr.

¹) Baldi war ſo gewiſſenhaft verfahren, daß er ſelbſt für die Manuſkripte, welche in dem zu Anfang des 18. Jahrhunderts aufge⸗ ſtellten Originalinventar der Vaticana ſchon als fehlend bezeichnet waren, andere Handſchriften geſtellt hatte, die ſich freilich hinterher als wertlos erwieſen.

Zudem erklärte derſelbe aber auch,

So erhielt Wilken auch die

Inzwiſchen hatte Wilken ſelbſt die Bitte der Uni⸗ verſität um Rückgabe auch des Reſtes der Palatina mündlich dem ſtets ausweichenden Kardinal mehrmals vergeblich vorgetragen, dieſer ſich auch Ramdohr gegenüber hart und empfindlich geäußert, ſo daß letzterer ebenſo wenig wie der öſterreichiſche Geſandte zu einer lebhaften Unter⸗ ſtützung von Wilkens ferneren Schritten in dieſer Rich⸗ tung ſich mehr bereit finden ließ; und da endlich auch die Ceſſion der 847 Handſchriften bei dem gebildeten Teile des römiſchen Publikums ſchon Aufſehen erregt hatte und ſich kaum erwarten ließ, der Kardinal werde dasſelbe durch weitere Verwilligungen noch mehr aufbringen wollen, ſo hielt es Wilken, alleinſtehend und jeden Beiſtandes entbehrend, für ratſamer, eine förmlich abſchlägige Antwort des römiſchen Hofes zu vermeiden und die ganze Angelegenheit gleichſam als unangetaſtet und unentſchieden, als res integra für günſtigere Zeiten zu bewahren ¹).

Dagegen ſuchte Wilken wenigſtens die eben erwähnten zwei Manuſkripte, das Nibelungenlied und den Otfried, ſowie die Rückgabe der auf alte deutſche Litteratur und deren Geſchichte bezüglichen Handſchriften zu erlangen. Auf jene Nibelungenhandſchrift hatte A. W. Schlegel, der gerne Näheres über ſie erfahren hätte, Wilken bei ihrem Zu⸗ ſammentreffen in Florenz mündlich aufmerkſam gemacht und ihm dann(in einem noch erhaltenen Briefe) die bezüglichen, übrigens ſehr vagen Angaben bei Zeune wörtlich mitgeteilt; dieſer berief ſich an der betreffenden Stelle aber wieder auf einen gewiſſen Glöckle, der zur Zeit der franzöſiſchen Herrſchaft Scriptor an der Vaticana geweſen war, damals aber in der Rheinprovinz leben ſollte und ſomit zur Er⸗ teilung von Auskunft nicht herangezogen werden konnte ²).

Auf der Vatikaniſchen Bibliothek wußte niemand weder über dieſe vermeintliche Nibelungenhandſchrift noch über Otfried Auskunft zu geben; nur verſicherte der Scriptor Amati, letztere Handſchrift in der Hand von Glöckle ge⸗ ſehen zu haben.

Wilken brauchte zwar ſpäter die Vorſicht, in ſeinem Abſchiedsſchreiben an Ramdohr dieſen zu bitten, den nunmehr preußiſchen Unterthan Glöckle über Grund oder Ungrund

¹) Es liegt mir zwar noch das Konzept zu einem Schreiben an Conſalvi vor, in dem Wilken den Kardinal bittet, ſich beim Papſte dafür zu verwenden, daß wenigſtens die lateiniſchen, griechiſchen und orientaliſchen Handſchriften zurückgegeben werden möchten, welche ſich auf Geſchichte, beſonders Deutſchlands, Jurisprudenz und das Altertum im allgemeinen beziehen; ich glaube aber, daß das Schreiben nicht abgeſandt worden iſt; das Konzept iſt undatiert und nicht ganz fertiggeſtellt.

¹) Savigny, Görres und ihre Freunde erwähnen dieſen Ferdi⸗ nand Glöckle öfters.