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ſchon ein Mann von zweifelhaftem Werte(ſ. o. S. 25), und Berſtett, der Baden ſpäter noch durch ſein Weinen auf dem Aachener Kongreß gute Dienſte geleiſtet hat ¹), hat trotz des Lobes, welches Weech in ſeinen Badiſchen Biographien ²)
ſeiner damaligen Wirkſamkeit in Paris zollt, wenig Eifer
und Geſchick gezeigt. Am 30. Dezember ſchreibt Eichrodt an Wilken:„über einige von Sr. Excellenz dem Herrn Miniſter von Reizenſtein mir näher mitgetheilte Nachrichten über das Benehmen unſerer Diplomatiker in Paris wurde ich ſehr indignirt, und ich habe mir die dabei bewieſene Schlaffheit kaum als möglich denken können. Es dient dies jedoch zum abermaligen Beweis, wie äußerſt gut und notwendig es war, daß Sie Ihre Reiſe dahin be⸗ ſchleunigten, und es iſt gewiß, daß wir Ihrer Thätigkeit am meiſten den glücklichen Ausgang zu verdanken haben. ³)“ Wilken traf in Paris auch mit dem in gleicher Miſſion thätigen Thierſch aus München ⁴), wohl auch mit J. Bekker zuſammen und wird auch wohl die alten Freunde aufgeſucht haben. Intereſſant war für ihn noch ſein Beſuch bei Frau von Krüdener; dieſe war dem Kaiſer Alexander von Heilbronn und Heidelberg aus nach Paris gefolgt und übte bekanntlich damals großen Einfluß auf dieſen aus. Wilken war beauftragt, ein bisher un— beſtellbares Schreiben der Markgräfin von Baden, in dem ſie den Kaiſer um ſeine Verwendung für die demolierte Stadt Kehl ⁵) anſprach, ihr zur Abgabe an dieſen zu über⸗ reichen. Von ihrem Schwiegerſohn von Berkheim bei ihr eingeführt,— ſie wohnte Rue St. Honoré in dem eleganten
¹) Varnhagen a. a. O. S. 394 ff.
²) I. S. 75.
³) Wilken hat Varnhagen ſpäter von Berſtetts Unwiſſenheit folgendes erzählt, was dieſer in ſeinen„Denkwürdigkeiten“ IX. 159 aufbewahrt hat:„Berſtett—— ſollte den Profeſſor Wilken in deſſen Bemühungen um die alten Heidelberger Handſchriften unterſtützen; Wilken machte ihm bemerklich, die Sache werde ſehr gefördert werden, wenn derſelbe dem Bildhauer Canova, der als päpſtlicher Abgeordneter hierbei eine entſcheidende Stimme hatte, einen Beſuch machte; Berſtett aber, dem ſchon der Profeſſor etwas zu dreiſt war, bog ſich vornehm zurück, und rief mit verachtendem Unwillen:„Was! zu dem Bild⸗ hauer ſoll ich gehen? Wo denken Sie hin?“ worauf denn Wilken mit verſtellter Demuth erwiederte:„Freilich hat es ſein Unangenehmes, denn Ew. Excellenz könnten in den Fall kommen, den Kaiſer von Rußland und den König von Preußen dort zu finden und dann ſtundenlang auf deren Weggehn warten zu müſſen. Ein Anderer bemerkte, Canova habe denſelben Titel, den noch vor kurzem Berſtetts Herr geführt, er ſei Marcheſe von Iſchia, das heiße Markgraf.“ (Dies iſt er übrigens erſt nach der glücklichen Ausführung ſeiner Miſſion geworden, Haſe a. a. O. S. 78.)
⁴) Nach einer Notiz Wilkens in ſeinem Bericht.
³) Kehl war vom 10. November 1796 bis zum 10. Januar 1797 von Erzherzog Karl belagert und zur Kapitulation gezwungen worden;
Hotel des Barons Magneſia— traf er ſie in dem Augen⸗ blicke, wo ihre Betſtunde zu Ende war und eine Anzahl ſchwarzgekleideter Menſchen geſenkten Hauptes mit gefalteten Händen aus ihrem Zimmer trat. Als nun Wilken ihr auch mündlich ſein Anliegen vorgetragen hatte, rief ſie mit aufwärts gerichteten Augen:„Kehl! Kehl! ja da zeigt ſich recht der Finger Gottes— da druckte Beaumarchais Voltaires Werke!u)“ Endlich fand Wilken in Paris zu ſeiner großen Über⸗ raſchung ſeinen jüngſten Bruder, Karl, einen Berufsſoldaten in einem hannöverſchen Regiment der Brigade Kielmanns⸗ egg ²), der über Waterloo nach Paris gekommen war. Dem in die Heimat zurückgekehrten Gelehrten wurden in raſcher Folge nun allerlei Ehren zu teil. Am 13. No⸗ vember wurde ihm in einem Schreiben„das beſondere Wohl⸗
gefallen des badiſchen Miniſteriums für ſeinen Eifer und
ſeine raſtloſe Thätigkeit in Paris zu erkennen gegeben“; am 18. Dezember wurde ihm„in Rückſicht ſeiner bisher geleiſteten Dienſte“ der Charakter und Rang eines Hofrats erteilt. Und eine Woche ſpäter, am 23. Dezember, er⸗ nannte die theologiſche Fakultät zu Heidelberg Wilken, „fontes orientis theologiae aperientem, sacra vatum ora- cula interpretantem, historiarum commentariis res etiam christianas illustrantem, de Academia Ruperto-Carolina meritissimum“ zum Doktor der Theologie.—
In die zweite Hälfte ſeines Prorektorats fiel noch ein unangenehmes Ereignis. Die Zögerung der badiſchen Regierung eine landſtändiſche Verfaſſung zu erteilen, wie ſie die Wiener Bundesakte verhieß, rief nämlich im Lande eine gewiſſe Aufregung hervor. Nachdem der Adel und die Geiſtlichkeit ſchon Petitionen um eine Verfaſſung ein⸗ gereicht hatten, riet im November 1815 der bekannte Profeſſor der Rechte Martin den ihn konſultierenden Heidelberger Bürgern auch zu einem ſolchen Schritt, ver⸗ faßte ſelbſt ein Schriftſtück³) und beſorgte die Verbreitung
¹) Wilken war nur vom badiſchen Legationsſekretär Groß begleitet. Varnhagen(Denkw. IX. 207) erzählt aber, eine Deputation von Kehlern habe ihr die Sache vorgetragen, und fügt noch die Pointe hinzu, die von ihr wegen jenes ſträflichen Unternehmens getadelten guten Leute hätten ſofort ihre Unſchuld gezeigt durch das Anerbieten beide Übelthäter ſogleich auszuliefern.
²) Der Brigadier Friedrich Otto Gotthard von Kielmannsegg war ein Sohn von Wilkens Gönner und Paten; er kommandierte die Diviſion bei Waterloo; ſ. Familienchronik der v. K. S. 172—190. Der Graf lobte den jungen Mann gegen Wilken wohl und verſprach ein Auge auf ihn zu haben; doch hat dieſer es nur bis zum Kommandier⸗ ſergeant in einem däniſchen Regiment gebracht und iſt als ſolcher 1837 zu Schleswig geſtorben.
³) S. Görres im„Rhein. Mercur“ 1815. 12. Dezember, der auch den Wortlaut mitteilt. Der Artikel der Allg. D. Biogr. über
dabei litt die Stadt ſehr, und das Dorf Kehl war faſt ganz zerſtört. Martin ſpricht nur von der Verbreitung der Circulare.


