Druckschrift 
1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
Einzelbild herunterladen

24

Das Jahr 1814 brachte keine erwähnenswerten Vor⸗ fälle oder Veränderungen im Leben Wilkens mit ſich.

Vermöge ſeiner ehemaligen Beziehungen zu Juſtus Gruner, den er im Eichhornſchen Hauſe zu Göttingen kennen gelernt, machte Wilken ſich Anfang März 1814 dieſem als dem Gouverneur des Mittelrheins gegenüber zum Vertreter der Wünſche der Univerſität, welche auf Wieder⸗ gewinnung ihrer am linken Rheinufer gelegenen ehemaligen Beſitzungen ſich richteten, ſo weit wenigſtens ſolche noch in Verhältniſſen geblieben waren, die die Zurückgabe ihrer Ein⸗ künfte ermöglichten. In ſeiner Antwort vom 19. März deren Kopie mir vorliegt¹), bedauert Gruner den Ent⸗ ſcheidungen über dieſe Gebiete nicht vorgreifen zu können. Ein im Mai wiederholter Verſuch der Univerſität, durch Gruners Verwendung bei den Alliierten ans Ziel zu kommen, hatte keinen beſſeren Erfolg ²).

Ende September ſchloß er ſich mit Daub dem nach dem Harz reiſenden Creuzerſchen Ehepaar ³) an und fuhr mit ihnen über Marburg, wo allezwei Tage in Saus und Braus verlebten, nach Göttingen; dort friſchte er alte Erinnerungen auf, verkehrte mit ſeinem kurz vorher

dorthin übergeſiedelten Freund Heiſe, beſuchte öfter die Bibliothek, fand indeſſen ſeinen alten Freund Eichhorn, der V länder und Preußen die Schlacht bei Waterloo, nach deren in ſein Haus und an ſeinen Tiſch einlud, recht ſtumpf ge⸗ allmählich ſich verlief).

ihn auf das freundlichſte aufnahm und ihn für alle Tage

worden, was ihn mit Wehmut erffüllte.

Mit dem Jahre 1815 nimmt die ſchon immer aus⸗ gedehnte und auf alle Angelegenheiten der Hochſchule ge⸗ richtete Thätigkeit Wilkens, der für das Jahr 1815/16 durch eminente Stimmenmehrheit zum Prorektor ¹) erwählt

ward, für die ganze Zeit, während deren er noch der Uni⸗

verſität angehörte, einen großen Maßſtab an. ſehen, in das ſich Wilken bei allen vorgeſetzten Behörden zu ſetzen gewußt hatte und von dem jeder der zahlreichen Briefe des Referenten im Miniſterium, Eichrodtss), und ebenſo Reizenſteins zeugt, kam in verſtärktem Maße nunmehr der ganzen Univerſität zu gute).

¹) Das Original iſt in der Univerſitätsbibliothek zu Heidelberg, Aktenpack 386. 18.

²) S. Hautz, a. a. O. II. 309. ³) Görres, Geſ. Briefe. II. 430. 1.

Das An⸗

Zunächſt kamen für Heidelberg und damit auch für Wilken überaus bewegte Tage, als im Mai des Jahres 1815

die öſterreichiſche Armee, insbeſondere am 24. d. M. das

Hauptquartier Schwarzenbergs in die Stadt einzog. Schon am folgenden Tage begab ſich eine Deputation des akademiſchen Senats, aus den Profeſſoren Wilken, Daub, Martin und Ackermann beſtehend, zum Fürſten, der ſie auf das freundlichſte empfing und zur Tafel zog; er ſowohl wie Kaiſer Alexander ſtellten der Univerſität einen beſonderen Schutzbrief aus, der ſie vor Anlegung von Lazaretten in ihren Mauern bewahrte; am 6. Juni begab ſich Wilken an der Spitze ſämtlicher Profeſſoren und Doktoren zunächſt zum Kaiſer Franz und dann zu Alexander, der ſich durch Wilken das ganze Perſonal der akademiſchen Lehrer vor⸗ ſtellen ließ, und endlich noch zum Großherzog von Baden. Am 10. war Wilken allein beim Erzherzog Johann in Audienz, und mit einer weiteren Deputation, zu der noch Schwarz, Thibaut, Conradi und Fries gehörten, begab er ſich am 19. Juni auch noch zu Metternich. Bei Metternich ſprach Wilken allein, bei Kaiſer Alexander neben ihm Ackermann, der auch an Schwarzenberg und Kaiſer Alexander die Anreden hielt.

Während hier Reden gehalten wurden, ſchlugen Eng⸗

Bekanntwerden am 21. Juni der Schwall in Heidelberg

Vor allem aber iſt hervorzuheben, daß Wilken es war, der zuerſt mit Lebhaftigkeit den Gedanken aufgriff und verfolgte, ob nicht in der Zeit, wo von allen Seiten die von den Franzoſen in den letzten zwei Jahrzehnten nach Paris zuſammengeſchleppten Kunſt⸗ und Bücherſchätze von dort zurückgeholt wurden, auch wenigſtens ein Teil der einſt von Maximilian von Bayern dem Papſte geſchenkten

Palatina, nämlich 38 infolge des Friedens von Tolentino im Jahre 1797 von Rom an Frankreich ausgelieferte

ehemals Heidelberger Manuſkripte ²), für die pfälziſche Uni⸗ verſität wieder zurückzugewinnen ſeien. Bekanntlich war von den nach Frankreich zuſammen⸗

geraubten Kunſtſchätzen nach dem erſten Pariſer Frieden

¹) Rektor iſt in Heidelberg der Landesherr ſelbſt; Wilken trat

ſein Amt am 28. März 1815 an, ſ. Reichlin⸗Meldegg, a. a. O. II. 167. ⁵³) S. über ihn Weechs Badiſche Biogr. I. 218. ³) Als Wilken für das Jahr 1815/16 einen oder den andern der berühmten Juriſten Martin und Thibaut in den akademiſchen Senat zu berufen bat, ſchrieb Eichrodt(9. April 1815) ablehnend:

Wir haben zu Ihren Talenten das gute und vollkommene Zutrauen,

daß Sie auch ohne einen dieſer beiden wackeren Männer mit Herrn Oberhofgerichtsrat Gambsjäger(ſ. Allg. D. Biogr.) ausreichen werden,

trotz der dem Könige von Preußen ſchon gegebenen Zuſagen Ludwigs XVIII. nichts außer der Quadriga zurückgegeben

worden. Im Jahre 1815 faßte man die Sache daher

und wollen jene Matadors aufſparen, wenn ein Prorektor von minderer Qualität als Sie ſolche nöthig hat.

¹) S. darüber Dittenberger, die Kaiſer in Heidelberg. Heidel⸗ berg 1815. 8.

²) Im ganzen waren 500 Manuſkripte von Rom nach Paris geliefert worden.