Druckschrift 
1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

Obwohl Raumers Verhalten Wilken ſeinem Briefe an Böckh vom 13. Januar 1812 zufolge nicht an eine

wahrhafte Freundſchaft desſelben glauben ließ, ſo iſt er ihm

doch immer freundlich und dienſtfertig geblieben.Unter

Wilkens Auſpicien, nach Raumers

eigenem Ausdruck, erſchien noch im ſelben Jahre 1811 des nicht hiſtoriſch⸗

liebenswürdigen und gefälligen, in Silveſtre de Sacy einen ſehr einfachen, äußerſt biederen Mann, der ihm auch einen für den zweiten Band der Kreuzzüge bedeutſamen Auszug aus einem arabiſchen Manuſkript von Kemaleddin ¹) ſchenkte und ſogar ſeine Sekretäre für ihn arbeiten ließ. Einer der Oberbibliothekare, der Orientaliſt Langlés ²), räumte ihm in

ſeiner Wohnung ein niedliches Arbeitskabinet für den ganzen Tag und den freien Gebrauch ſeiner eigenen Bibliothek ein. Für ſeine Zwecke fand er viel Wertvolles, wenn er auch gerne ſoviel Monate geblieben wäre, als er Wochen bleiben konnte. Sein Beſuch beim Erzbiſchof von Blois, Grégoire, einem derrégicides, der ihn auch zu Tiſche lud, veranlaßte nach einer Notiz des Sohnes einen jahrelangen Brief⸗

zünftigen, ſich ſelbſt als einenBönhaſen bezeichnenden bisherigen Berliner Regierungsrates201 Emendationes in Lohmeieri et Gebhardii Tabulas genealogicas dy- nastiarum arabicarum et turcicarum etc., denen Wilken zur Einführung eine Epistola ad auctorem(p. V XII) voranſchickte, wie er auch Mohr und Zimmer in Heidelberg zur Übernahme des Verlags beſtimmte. Und wenn Raumer

am 5. Oktober 1811 von der Univerſität Heidelberg den Doktorhut erhält(ſ. Lebenserinnerungen, S. 167), ſo wird Wilken die Hauptſache dabei gethan haben.

Wenn Wilkens Unterhandlungen mit Leipzig auch zu keinem erwünſchten Ende führten, ſo würde er, hätte er in Heidelberg ſich nicht wohl gefühlt, auch noch im

Auslande eine Stätte für ſeine Wirkſamkeit haben finden Im Mai 1811 übermittelte nämlich Chriſtoph Rommel, damals Profeſſor der lateiniſchen Sprache in Charkow ¹), der Wilken einſt in Göttingen nahe geſtanden²), dieſem den Antrag des akademiſchen Senats in Charkow, daſelbſt die Profeſſur der orientaliſchen Sprachen gegen ein Gehalt von

können.

2500 Rubel zu übernehmen; zufolge einem Vermerkvon Wilkens Hand auf dem lateiniſchen Schreiben hat er indeſſen dieſen Ruf in einem Briefe vom 15. September 1811 abgelehnt.

Am 22. März 1811 hatte Wilken inzwiſchen, namentlich in der Abſicht für den zweiten Band ſeiner Geſchichte der Kreuzzüge die Schätze der Pariſer Bibliothek an orien⸗ taliſchen Handſchriften auszunutzen, eine Studienreiſe nach Paris angetreten. Mit dem Aſtronomen Harding:) über

Straßburg, Nancy und Chalons ſur Marne reiſend, kam er

in der Nacht vom 29./30. März in Paris an. In dem Orientaliſten Chézy) fand er einen kenntnisreichen, überaus

Anlehnung an Wilken geht auch aus ſeinen Briefen hervor, in denen er bei dieſem oft ſich Rats erholt. ¹) 1781 1859; er war zuletzt Archivdirektor in Caſſel und hat

ſich durch ſeine achtbändige heſſiſche Geſchichte einen Namen gemacht.

²) Wilken, der auch mit Rommel bei Tychſen ein perſiſches

Privatiſſimum beſucht hatte, war mit Meyer der Hauptopponent bei

Rommels Doktordisputation.Um ſie im voraus zu entwaffnen, hatte ich ihnen, erzählt Rommel,ihre vermutlichen Gegenſätze und meine Verteidigung kurz vor dem Abzug zur Disputation vorgeleſen, worauf ſie, überraſcht, keine Zeit mehr fanden ſich mit neuem Disputations⸗ geſchütz zu verſehen. Chr. Rommels Selbſtbiogr. bei Bülau, Geh. Geſch. u. räthſelhafte Menſchen. V. 439 f.

³) S. Allg. D. Biogr.

¹) 17731832 ſ. o. S. 15.

wechſel zwiſchen ihm und Wilken ³). Ende April mußte er ſchon wieder in Heidelberg eintreffen und wurde da ſofort zum Dekan der philoſophiſchen Fakultät erwählt; in dieſer Eigenſchaft nahm er an der Deputation der Univerſität teil, durch welche dieſe ſich bei der Beiſetzung des am 10. Juni verſtorbenen Großherzogs Friedrich Karl ver⸗ treten ließ).

1812 wurde Wilken laut einer von Buttmann, Erman, Ancillon und Tralles unterzeichneten Ur⸗ kunde von der Königl. Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin, und am 18. Dezember desſelben Jahres von dem Institut impérial de France zum korreſpondierenden Mitgliede erwählt.

Im folgenden Jahre erſchien endlich der zweite Band der Geſchichte der Kreuzzüge?); in der Vorrede erklärt und entſchuldigt der Verfaſſer die lange Verzögerung ſeiner Ausgabe. Der Band wurde in den Göttinger Gelehrten Anzeigen vom 13. Auguſt 1813, S. 1313 19, von Heeren beifällig beurteilt, der nur am Schluſſe bezeichnender Weiſe ſich dagegen verwahrt, daß Wilken(p. XII der Vorrede) ſeine Helden, einen Gottfried, Balduin, Tancred u. a. gegen den Vorwurf der Schwärmerei und der Verirrung allzu wenig in Schutz nehme. Für dieſen zweiten Band waren orientaliſche Quellen in noch reicherem Maße herbeigezogen.

¹) Jetzt auf der Kgl. Bibliothek zu Berlin.

²) S. Brockhaus Conv.⸗Lex. VIII. Aufl.

³) Doch müſſen die Briefe verloren ſein; ich kann nur noch ein Billet von der Hand Grégoires finden.

*) Wegen der Räuberbanden auf der Karlsruher Straße nahm die Deputation, deren Wagen auf der ganzen Reiſe nicht umfiel und deren Mitglieder auch beim Schlafen im Wagen ſich die Köpfe nicht verletzten, noch unterwegs ein Paar geladene Piſtolen an ſich!

) XLVI und 735 S S. 8 nebſt 51 S S. Beilagen; er umfaßt die Zeit bis zum Beginn des zweiten Kreuzzuges. Wilken war ſchon oft an ihn gemahnt worden, ſ. Heidelb. Jahrb. 1810, Int.⸗Bl. Nr. 16. Wie der erſte Band Heyne und Schlözer, ſo iſt dieſer zweite Silveſtre de Sacy gewidmet. Dieſer wie die folgenden Bände ſind bei Vogel in Leipzig erſchienen.