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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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Zeit konnte ſie entfernt nicht genügen.Welch eine gräuel⸗ als das vielleicht bedeutendſte Blatt dieſes Jahrhunderts

volle Unordnung auf der Bibliothek herrſcht, ſchreibt Wilken am 1. Juni 1808 an den Göttinger Bibliothekar Reuß ¹),davon haben Sie keinen Begriff. Zur An⸗ ſchaffung von Büchern können zwar jährlich 3000 fl. ²) verwendet werden. Aber der größte Teil des Geldes wird für Bücher ausgegeben, welche entweder füglich entbehrt oder doch auf eine wohlfeilere Art erhalten werden könnten. Der Oberbibliothekar ³) iſt ſtocktaub, und ein launiger(sie!l), mürriſcher, eigenſinniger Menſch und die, welche unter ihm ſind, ſind unluſtig oder ungeſchickt.

Mit dem Winterhalbjahr 1808 trat Wilken an die Spitze der Anſtalt und erwarb ſich um ihre Hebung, ihre Neueinrichtung und Bereicherung alsbald die weſent⸗ lichſten Verdienſte. Der um die Hochſchule überhaupt auf das eifrigſte und verſtändnisvollſte bemühte Reizenſtein faßte zu ihm volles Vertrauen, und alle Vorſchläge, die Wilken zur Erweiterung der Bibliothek machte, wurden von der Regierung in liberalſter Weiſe gutgeheißen. Dahin gehörte der Ankauf der Böcklerſchen Bücherſammlung, die Verteilung der Gengenbacher und Villinger Kloſterbibliotheken ¹) an Heidel⸗ berg und Freiburg, bauliche Veränderungen und dergleichen mehr). Ein Leſekabinet wurde eingerichtet und ein neues Reglement mit ſtrengeren Beſtimmungen gegen die ſäumigen Entleiher, nicht bloß gegen die Studenten, ſondern auch gegen die Profeſſoren in Anwendung gebracht, worüber Creuzer in ſeinen Briefen an Görres häufig ſchilt). Wie er noch am Schluß ſeiner Heidelberger Wirkſamkeit der Bibliothek ihre koſtbarſten geraubten Schätze zurückgewann, wird weiter unten ausführlicher zu berichten ſein.

Einen äußeren Ausdruck fand das neu erblühte wiſſenſchaftliche Leben der Neckarſtadt in den 1808 be⸗ gründetenHeidelberger Jahrbüchern, einer Zeitſchrift, welche für die Entwickelung der deutſchen Litteratur ge⸗ radezu epochemachend geweſen und von Julian Schmidt)

¹) In einem ſeiner 16 Briefe an Reuß, die der Univ.⸗Bibl. zu Göttingen gehören.

²) 1804 waren 1500 fl. zu ihrer Vermehrung beſtimmt worden.

³) Es war der Profeſſor Engelbert Semer, der dem 1805 verſtorbenen Wolfter gefolgt war.

¹) Über andere frühere Bereicherungen ſ. Dittenberger a. a. O. S. 37; vergl. auch Heidelb. Jahrb. 1810. Int.⸗Bl. Nr. 10 u. 18.

⁵³) Um 1811 war die Bibliothek auf 45000 Bände gebracht.

s) S. Görres⸗Briefe. II.(48. 49. 160.) 183:Wilken, und wenn er geadelt wird mit Orden und Bändern, iſt und bleibt ein geſchicht⸗ licher Regiſtrator. Eine Regiſtratur iſt ſein Vaterhaus. In drei Wochen muß jedes Buch zurück: fehlt da eins, ſo hat der Pedant ein Teufelslärmen.

²) Geſch. d. dtſch. Litt. ſeit Leſſings Tod. II. 209.

bezeichnet worden iſt. Anfangs hatte man auf Anregung von Voß beabſichtigt, die Jenaer Litteraturzeitung ſamt ihrem Redakteur nach Heidelberg zu verpflanzen; doch war der Plan verworfen worden, und da Reizenſtein eine litte⸗ rariſche Anſtalt der Art wünſchte, war man zur Gründung einer eigenen Zeitſchrift geſchritten. Für alle Fächer wurden die bedeutendſten unter den Heidelberger Gelehrten als Mit⸗ arbeiter gewonnen; außerdem nahmen die Romantiker, die beiden Schlegel, Arnim, Brentano und Görres, die Brüder Grimm, Jean Paul, Savigny, Windiſchmann, Wachler, Oken mehr oder weniger lebhaften Anteil an dem Unter⸗ nehmen. Die Redaktoren Creuzer, Daub, Thibaut und bald auch Wilken u. a. ſtellten in ſchönem, einträchtigem Zu⸗ ſammenwirken oft in traulichem abendlichen Verein den In⸗ halt der einzelnen Hefte feſt. Die glänzendſte Epoche der Zeit⸗ ſchrift war freilich gerade ihr erſtes Dezennium, und faſt während dieſer ganzen Zeit war gerade Wilken der Haupt⸗ redakteur, da er Creuzer in der Leitung der V. Abteilung ſehr bald abgelöſt hatte¹). Der Abſatz der Zeitſchrift war trotz der Gediegenheit ihres Inhaltes und des glänzenden Rufes ihrer Mitarbeiter wegen der Not jener Zeiten doch nicht ſo groß, daß nicht die badiſche Regierung zu wieder⸗ holten Malen das Unternehmen durch Zuwendungen an die Verleger, Mohr und Zimmer, hätte unterſtützen müſſen ²). Seine Redaktionsthätigkeit brachte Wilken in zahlreiche, zum teil dauernde litterariſche und freundſchaftliche Ver⸗ bindungen oder erhielt ihn in ſolchen, wie die erhaltenen Briefe der beiden Schlegel, Görres', Arnims, der Brüder Grimm und vieler anderen beweiſen. Unter den Roman⸗ tikern zeigten einige auch hiſtoriſchen Sinn und beſondere Neigung für die Geſchichte, wie A. W. Schlegel, Görres ¹), beſonders aber Friedrich Schlegel, der ſich enger an Wilken anſchloß).

¹) Dieſer war, wenn er auch verſichert(Selbſtbiogr.Aus dem Leben eines alten Profeſſors, S. 42), er ſei, nachdem in der Perſon von Wilken ein ſehr geſchickter Stellvertreter gefunden worden, froh geweſen, wieder zu ſeinen anderen Arbeiten zurückzukehren, doch ver⸗ drießlich, nach ſeiner Rückkehr aus Holland 1809 nicht wieder in die Redaktion der Zeitſchrift zurückberufen worden zu ſein. Daher denn des ſehr empfindlichen Mannes zahlreiche galligen Auslaſſungen gegen den ihm vertrauten Görres, ſ. Görresbriefe. II. 53. 60. 63. 88. 102. 107. 161. 183. 239. 258. 392, wo Wilken überall ſeinen Ver⸗ druß entgelten muß.

¹) Die Beiträge, die Wilken ſelbſt für die bis zu ſeinem Ab⸗ gang von Heidelberg weſentlich von ihm geleitete Zeitſchrift geliefert hat, werden im Anhang im einzelnen namhaft gemacht werden.

³) S. Wegele a. a. O. S. 979. 81. 83.

)Wilken hat hier manche Freunde, ſchreibt er aus Wien am 19. Dezember 1810 an Boiſſerée(Sulp. B. I. 95),und iſt ſehr