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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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ſelbſtändig werdenden, von der geiſtreich oberflächlichen Manier Voltaires u. a. ſich emancipierenden deutſchen Hiſtoriographie zu datieren ſei; ſicherlich gehört es zu denen, welche den Ruhm deutſcher Gelehrſamkeit und Viel⸗ ſeitigkeit und deutſchen Fleißes auch im Ausland begründet und befeſtigt haben.

Jene morgen⸗ und abendländiſchen Quellen mit der Sicherheit und der feſten wiſſenſchaftlichen Methode zu handhaben, wie es die Hiſtorik der folgenden Jahrzehnte allmählich lernte und lehrte, verſtand um die Zeit, als der erſte Band des Wilkenſchen Werkes erſchien, überhaupt noch niemand. Und wenn Wilken damals ſich allzuſehr an ſeine neugefundenen Quellen hingab und insbeſondere Sage und Geſchichte noch nicht ſcharf zu ſondern wußte, ſo zeigt ſich darin nur diejenige Einſeitigkeit, die jedem Führer und Bahnbrecher auf einem neubetretenen Felde der Forſchung anzuhaften pflegt. Es gab auch kaum einen gleichzeitigen Rezenſenten, der hoch genug über dem Autor des eigenartigen

Werkes geſtanden hätte, um mit ſcharfem kritiſchen Blick deſſen Mängel auffinden und beleuchten zu können. Erſt ein Menſchenalter ſpäter iſt der noch heute allein wirklich veraltete Teil desſelben, die Geſchichte des erſten Kreuz⸗ zuges ¹), durch eine neue glänzende Leiſtung verdunkelt und zurückgedrängt worden. Und derſelbe Mann, der dieſem Teile das Urteil ſprach, der damalige Privatdozent in Bonn, der heutige Altmeiſter der deutſchen Geſchichtſchreibung, Heinrich von Sybel, der in ſeiner meiſterhaften Geſchichte des erſten Kreuzzugs, einer der beſten hiſtoriſchen Monographien, die überhaupt exiſtieren, jene Partie des älteren umfaſſenden Werkes in den Schatten geſtellt hat, er, der bezeichnender Weiſe in demſelben Weihnachtsmond die Vorrede zu ſeinem Buche ſchrieb, in dem der greiſe Autor der Geſamtgeſchichte der Kreuzzüge ſein Leben beſchloß, er hat in dieſer ſelben Schrift dieſem ſeinem bedeutendſten Vorgänger Worte ehrender Anerkennung gezollt ²).

¹) Wilken erklärt ſelbſt(Heidelb. Jahrb. 1810. Int.⸗Bl. Nr. 16), der erſte Band ſeines Werkes ſei größtenteils eine Arbeit ſeiner Jugendjahre.

²) Ich kann mir nicht verſagen, dieſes eingehende Urteil von Sybel, welches ſich S. 168 ff. der erſten Auflage ſeines Buches be⸗ findet*), und zu welchem nach einer gütigen Mitteilung an den Verfaſſer er ſich auch heute noch bekennt, im Zuſammenhange hier, wenn auch mit einzelnen Kürzungen, anzuführen:

Daß das labſprechende und einſeitige]) Urteil(des 18. Jahr⸗

hunderts über die Kreuzzugsbewegung des 11. und der folgenden

Jahrhunderte) in unſerer heutigen Wiſſenſchaft nicht die Herrſchaft behauptet, iſt, wie man weiß, vor Allem als Wilkens bleibendes Ver⸗ dienſt zu rühmen. Im Allgemeinen war man, als er ſeine Geſchichte

*) In der zweiten Auflage iſt die ganze Kritik über die neueren ch. 6 zunächſt in der Sprache ſeiner Zeit zu reden ſuchen; wo aber

Hiſtoriker der Kreuzzüge weggefallen.

zeugen.

Von Urteilen anderer bedeutender Hiſtoriker über Wilkens wiſſenſchaftliche Verdienſte mache ich noch namhaft G. A. Stenzels Kritik über Sybels eben erwähnte Schrift in der Allg. Jenaiſchen Litteraturzeitung von 1842

der Kreuzzüge begann, von dem ausſchließenden Hochmute des ver⸗ gangenen Jahrhunderts zurückgekommen, und beſonders der Sinn der Deutſchen hatte ſich mit Liebe und Enthuſiasmus der Betrachtung des Mittelalters zugewandt. Wilken, mit ſo ausgebreiteter wie gründ⸗ licher Gelehrſamkeit, mit einem höchſt bedeutenden Talente der Dar⸗ ſtellung verſehen, unternahm es, dieſe Neigung an unſerem Stoffe zu bethätigen und ſeiner Zeit die Kreuzzüge von ihrem eigenen Stand⸗ punkte aus und in ihrem eigenſten Lichte vorzuführen. Das ſo ent⸗ ſtandene Werk hat ihm, und mit Recht, die unbeſtrittene Herrſchaft auf dieſem Gebiete verſchafft: niemand zweifelt an den Vorzügen des⸗ ſelben, und ich denke ſie nicht zu verringern, wenn ich hier anzu⸗ geben verſuche, nach welcher Seite hin eine ſpätere Darſtellung noch Ausſicht auf Fortſchritte hat. Die Hauptſache iſt nun, daß ſelbſt bei dieſem Umfang und dieſer Freiheit des Wiſſens eine genügende Sonde⸗ rung der Berichte nicht erreicht worden iſt in dem Umfang des erſten Bandes nämlich, denn ſchon in dem zweiten, wo zum Teil dieſelben Quellen benutzt wurden, zeigt ſich ein viel feſteres und ſichereres Verfahren. Der meſſentliche Punkt iſt, daß die Grundverſchiedenheit zwiſchen geſchichtlicher und ſagenhafter Über⸗ lieferung nirgendwo zur Anſchauung kommt, und daß nicht einmal bei den Quellen ſelbſt die einzelne Ausſage an der allgemeinen Be⸗ ſchaffenheit des Berichtes geprüft wird. Die Geſinnung, aus welcher dies Verfahren hervorgeht, iſt freilich anzuerkennen; man nimmt darin dieſelbe Ehrfurcht gegen das Wort jener Zeiten wahr, wie ſie auf die Thaten gerichtet das größte Verdienſt und den an⸗ ziehendſten Reiz des Buches ausmachen. Es mag auffallen, bei Wilken eine größere religiöſe Wärme als bei einem Schriftſteller des 12. Jahrhunderts behauptet zu ſehen, und einige Worte darüber werden um ſo mehr an ihrer Stelle ſein, als ſie noch von einer anderen Seite her zu der Charakteriſtik des Buches dienen können. Allerdings beruhen wohl die Außerungen jener Wärme weniger auf der eigenen Anſicht der Begebenheiten, als auf dem bewußten Streben, die Geſchichte jeder Zeit nach ihren eigenen Geſichtspunkten darzu⸗ ſtellen. Dabei wird man bereitwillig anerkennen, um wie viel ſolch ein Verfahren etwa neben der Weiſe des vorigen Jahrhunderts im Fortſchritt erſcheint, und wie die Begeiſterung des Verfaſſers auch den Leſer von vorn herein erwärmen muß. Ebenſo macht ſich aber auch die Forderung geltend, daß dann die Begeiſterung für die Dinge ſelbſt ſich unmittelbar anſchließe, daß nicht bloß der Verfaſſer, ſondern die Thatſachen, wie wir ſie aus dem Buche erkennen, uns auf ihrem Standpunkte auszuharren nötigen. Daß der letztere nur urſprünglich ein fremder iſt, muß uns die Erzählung vergeſſen machen; dieſe Aufgabe wird nun einem gleichzeitigen, ſelbſt in den Ereigniſſen befangenen Darſteller natürlich um vieles leichter: der Erfolg eines ſpäteren Autors wird aber geradezu von der Frage abhängen, in wie weit das Bewußte und Gemachte, was ſtets in der Annahme eines fremden Standpunktes liegt, noch in ſeiner Ausführung ſichtbar geblieben iſt; und nur indem man ſich dieſes Nebeneinander ſcharf ausſpricht, vermag man eine reine Anſchauung in ſich zu er⸗ Ein Geſchichtſchreiber im eigentlichen Sinne, der in der Regel ſeine Leſer mit ſich auf gleichem Standpunkte vermutet, muß

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