Wilkens eigentlicher Vortrag war ohne beſonderen Reiz, eintönig und ſingend; dabei konnte er eine gewiſſe Verlegenheit, wie er ſelbſt ausſprach, nicht bemeiſtern, die ſich unter anderem auch durch unausgeſetztes Scharren mit den Füßen äußerte.„Es hat mich“, ſagt ſein Sohn,„oft dabei brühſiedendheiß überlaufen.“ Er war ſich deſſen ſelbſt wohl bewußt;„ich kam verdrießlich und unmutig zu Hauſe“, ſchreibt er einmal im Winter 1805/6, und wenn ihm auch ſpäter das Leſen— frei und beredt vorzutragen war ihm nicht gegeben— mehr Freude macht,„ſo kommt doch noch manche Stunde, nach welcher ich das Heft unwillig auf den Tiſch werfe.“
Karolinens Mutter kehrte mit den beiden anderen Kindern im März 1807 wieder nach Leipzig zurück, brachte jedoch, nachdem ſie ihre zweite Tochter im Herbſt verheiratet, das folgende Jahr wieder in Heidelberg zu. Im Oktober 1808 beſuchte Friedrich Auguſt Tiſchbein die Familie ſeiner Tochter zuerſt, malte bei der Gelegenheit auch ein Bruſtbild Wilkens(im Beſitz der Frau Geheimrat Wilken in Caſſel), und mit ihm kehrte dann auch ſeine Gattin nach Leipzig zurück. 1810 kam er wieder in die Rheingegend,
geweſen und wie ſchwer der Abſchied von demſelben 1808 dem berühmten Überſetzer geworden. Durch ihn und Brentano erſchien auch Arnim, der 1806 zu längerem Aufenthalte nach Heidelberg kam und dort mit Brentano des Knaben „Wunderhorn“ zuſammenſtellte, häufig in Wilkens Familie, und Karoline malte damals ein Miniaturporträt von ihm ¹). In die romantiſche Zeitſchrift„Tröſteinſamkeit“, die ſoge⸗ nannte„Einſiedlerzeitung“, die freilich, obwohl ſie eine reiche Fundgrube für die Anfänge der neuen deutſchen Altertums⸗ ſtudien wurde, nur einen Jahrgang erlebte, lieferte Wilken auch einen kleinen Beitrag über„die Entſtehung der neu⸗ perſiſchen Poeſie“, aus dem Perſiſchen des Deuledſchah ²) Auch die Brüder Sulpiz und Melchior Boiſſerée, die ſich 1810 mit ihrer Gemäldeſammlung in Heidelberg niederließen ¹), und der ſpäter als Überſetzer beſonders Shakeſpeares bekannt gewordene, erſt 1878 verſtorbene Graf Wolf von Bau⸗ diſſin gehörten zu den Freunden des Wilkenſchen Hauſes, der letztere eingeführt von Gries¹) und ſeinem mit Wilken ſchon von Göttingen her bekannten Mentor Friedrich Kohlrauſch)
Unter den Heidelberger Familien ſtand der Wilkenſchen
malte in Weilburg an der Lahn ein großes im dortigen Schloſſe noch zu ſehendes Familienbild des Fürſten von Naſſau⸗Weilburg und verweilte dann auch in Heidel⸗ berg, wo er Voß und ſeine Frau malte ¹); im Jahre 1812 kam er zum letzten mal, begann im Mai 1812 ein Porträt der Großherzogin Stephanie von Baden in Mannheim, mußte aber, nachdem er ſchon krank von Leipzig abgereiſt, ſeine Arbeit in Mannheim abbrechen und ſtarb am 21. Juni zu Heidelberg im Hauſe und in den Armen ſeiner Kinder.
Übrigens fehlte es auch in der Heidelberger Geſell⸗ ſchaft dem jungen Paare nicht an anregendem Verkehr. Die geſelligen und muſikaliſchen Talente der anmutigen und liebenswürdigen Frau, wie auch ihrer Mutter und Schweſter zogen ſchon im erſten Winter den ſehr muſikaliſchen Johann Dietrich Gries häufig ins Haus, der 1806—8 in Heidel⸗ berg lebte und die Familie Tiſchbein im Hauſe A. W. Schlegels in Jena kennen gelernt hatte²). Fünfzehn zum Teil ſehr umfangreiche Briefe von ihm aus den Jahren 1808—13 bezeugen, wie wert das Wilkenſche Haus ihm
dem Namen nach unbekannt geblieben ſei.„Als ich ſpäter in Göt⸗ tingen“, ſchreibt er,„einige Bände des Werkes las, war es mir immer leid, dieſem Mann nicht näher getreten zu ſein.“ Janſſen, J. Fr. Böhmer. I. S. 28.
¹) S. Görres,(Freundes⸗) Briefe. II. 116.
²) S.„Aus dem Leben von J. D. Gries.“ S. 37. Die Ver⸗
am nächſten die des großen Juriſten Thibautn dieſer ſelbſt geriet zwar in der Unterhaltung oft um Kleinigkeiten, nament⸗
lich politiſcher Art, mit dem ebenfalls hitzigen Wilken in den
heftigſten Streit, ſo daß ſie ſich manchmal Wochen lang nicht anſahen und die beiden ſehr innig befreundeten Frauen oft Mühe hatten, ſie wieder zu verſöhnen; da er bekanntlich auch ein großer Muſikkenner war, ſo zog auch Wilkens Gattin ihn lebhaft an; auch mit den Familien von Nägele, deſſen Schwiegervater Mai, Creuzer, Daub, Heiſe, Böckh, Paulus ſtanden Wilkens auf ver⸗ trautem Fuße, ebenſo wie mit Zachariä, Fries, Hegel, Görres, Gmelin u. a.; weiter hatten ſie Beziehungen zu der eine Zeit lang in Heidelberg lebenden Amalie von Helvig, geb. von Imhof ⁵), und zu der etwas berüchtigten Enkelin der Karſchin?), Helmine von
¹) Im Beſitz von Wilkens Schwiegertochter in Caſſel.
²) S. 66 des Pfaffſchen Neudrucks.
³) Sulpiz Boiſſeréèe war auch Zuhörer Wilkens im Winter 1810/11 in der Geſchichte des Mittelalters und promovierte 1810 in Heidelberg.
⁴) S.„Aus dem Leben von J. D. Gries.“ S. 104.
⁵) 1780— 1865; ſ. über ihn die Allg. D. Biogr. In den„Er⸗ innerungen aus meinem Leben“ hat der 82 jährige dieſer Beziehungen zu Wilken nicht mehr gedacht.
⁶) In ihrem Hauſe führten damals die Buben des Profeſſors Horſi den von Immermann in den Epigonen(Reclamſche Ausg.
faſſerin desſelben, Frau Campo, ſeine Schweſter, würde ſeinen trau⸗ lichen Verkehr im Wilkenſchen Hauſe nicht unberührt gelaſſen haben, V wenn ſie die gleich zu erwähnenden Briefe gekannt hätte.
S. 449) verwerteten Streich aus. *) S. Helmine von Chézy, Unvergeſſenes. II. 22, wo freilich Willkie verdruckt iſt.


