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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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und empfindlich erſchien, ihn bat noch einmal zu kommen

und ihn auch ſpäter zu fördern ſuchte. Paulus traf er nicht an, wohl aber Grießbach und Schütz, der ihn auf den folgenden Tag zum Kaffee einlud. Bei einem zweiten längeren Beſuch bei Ilgen verſprach ihm dieſer ſeine Schrift in der Jenger Litteratur⸗Zeitung zu rezenſieren, was er aber nicht that.

Nachmittags 2 Uhr begab ich mich zu Schütz, erzählt er,wo ich denn die berühmte Frau Hofräthin Schütz, die Hofräthin Voigt, noch eine Dame(ich glaube die Mamſell Lodern), den Herrn Profeſſor Eichſtädt, Dr.

Breyer) antraf. von jungen Herrn dazu, welche, wie ich nachher von Eich⸗ ſtädt erfuhr, die Mitglieder des hochberühmten Liebhaber⸗ theaters und ſehr feine galante Herrchen waren. Da ich mich nicht ſo recht galant betrug, machte ſie mir das be⸗ deutende Compliment, ſie habe mir gleich angeſehen, daß ich ein Philolog ſey. Auch fand ſich dort ein abſcheulicher Leipziger Haſenfuß?) ein. Um 4 Uhr ging Eichſtädt mit mir zu Heinrich ³), ſeinem Vetter. Heinrich ſprach ziemlich ſchadenfroh über Fichte und Schelling. Etwas ſonderbares begegnete mir bey Schütz, das vielleicht Folgen hat; die Hofräthin nannte mich beſtändig Dr. und ich wußte keine ſchickliche Gelegenheit zu finden, ſie von dieſem Irrthum zu befreyen. Endlich wurde auch Schütz auf⸗ merkſam und ſagte: Merken Sie wohl, meine Frau pro⸗ movirt, indeſſen es mag dabey bleiben, wenn ich auch kein Dekan bin, Sie ſollen Magister Jenensis werden. Sein Sohn kommt nach Göttingen, und er ſagte, daß er ihn zu mir ſchicken würde. Ich bin begierig den Helden zu ſehen. Der Scherz wurde in der That im Jahre 1803 Ernſt, indem ex decreto a. ordinis philosophorum Chr. G. Schütz, collegii philosoph. h. t. decanus Friderico Wilken doctoris philosophiae dignitatem detulit. Nachdem er ſeinem Verſprechen gemäß noch die orientaliſchen Handſchriften in Gotha katalogiſiert hatte, wobei er als Gaſt des Herzogs in dem beſten Gaſthofe

der Stadt wohnte, kehrte er, ohne den anfänglich beab:

*¹) Dieſer Hiſtoriker(17711818), ſpäter Profeſſor in München, habilitierte ſich 1800 in Jena. S. Allg. D. B. und Thierſch, Lobſchrift auf E. W. v. B. 1818. Wegele, Geſch. d. d. Hiſtoriogr., S. 934.

²) So nannten die etwas rüden Jenaer die eleganten, weich⸗ licheren Leipziger Studenten oder anderen jungen Herrn.

³) S. über dieſen durch ſeinen Konflikt mit Schiller(ſ. Boas, Xenienkampf I. 162) bekannt gewordenen Hiſtoriker, der Wilkens Gönner Eichhorn ſehr befreundet war und ſpäter der Schwiegervater von deſſen Sohn Karl Friedrich Eichhorn, dem berühmten Rechts⸗ hiſtoriker, ward, die A. D. Biogr.

Nach und nach kam denn eine Menge

ſichtigten Beſuch von Halle und Leipzig ausgeführt zu haben, nach Göttingen zurück ¹).

Von ſtrengen eigentlichen Fachſtudien Wilkens auf dem rein geſchichtlichen Gebiete finde ich für die Göttinger Zeit keine beſonderen Anzeichen; philologiſche und hiſtoriſche Anregungen, an ſich verwandter Art, ſind ſchwer für jene Studienzeit von einander zu ſcheiden. Die klaſſiſche und die orientaliſche Philologie in Göttingen brachten ja, wie oben erwähnt, auch der Geſchichte gleichſam ihren Tribut dar, und die Arbeit im philologiſchen Seminar Heynes konnte nicht ohne Nutzen auch für den künftigen Hiſtoriker bleiben. Weiter hatte Wilken damals wie ſpäter auch in Schlözer einen wohlgeneigten Gönner und Freund, was

vermuten läßt, daß er auch deſſen Collegien nicht fern

geblieben iſt. Und von der auch ſonſt vielfach bezeugten (z. B. Heeren, S. W. VI. S. 525 27) hinreißenden Kraft

von Spittlers geiſtvollen Vorleſungen ſagt Wilken ſpäter

oft, er habe nie einen gleich eindringlichen Vortrag gehört ²). Noch in ſpäten Jahren erinnerte ſich Wilken gerne an dieſen Mann, und Thränen traten ihm oft ins Auge, wenn er ſeiner gedachte.

Es iſt alſo kein Zufall, daß in dem ganz beſonders

der Geſchichte zugewandten wiſſenſchaftlichen Leben der

Georgia Augusta, an deren der hiſtoriſchen Muſe geweihtem Altare damals wie ſpäterhin eine Schar jüngerer Hiſtoriker ihre Fackeln entzündete, auch Wilken der geſchichtlichen Wiſſenſchaft dauernd gewonnen ward. In ſeinen Plänen und Hoffnungen war inzwiſchen auch das urſprünglich angeſtrebte Pfarramt, um deſſentwillen er auch bei einem ihm bekannten Landpfarrer in der Nähe von Göttingen zuweilen gepredigt hatte, in dem Maße zurückgetreten, als

¹) Vergl. über ſämtliche hier genannten Perſönlichkeiten meine Abhandlung über die von Savigny im Sommer desſelben Jahres gemachte Studienreiſe im Progr. des Friedr.⸗Gymn. v. 1890. S. 8 ff. Wilken folgte beinahe den Spuren Savignys.

²) Im Beginn ſeiner Vorleſung, erzählte er, ſei Spittler ſehr ökonomiſch mit ſeiner von Natur nicht ſtarken Stimme umgegangen, dann aber habe ſeine Rede mit der ſteigenden Wärme und Lebhaftigkeit immer größere Kraft gewonnen, und am Schluſſe ſeien die Zuhörer ſtets ſo

ergriffen geweſen, daß Minuten vorübergegangen ſeien, ohne daß ſie

ſich regten oder die Plätze verließen. Leider verließ Spittler Göttingen ſchon 1797. Er kehrte, zum Miniſter ernannt, in ſeine Heimat Würt⸗ temberg zurück, wurde aber dort ſeines Lebens nicht mehr froh und

ſtarb ſchon 1810. Von ſeiner letzten Vorleſung in Göttingen, mit

der er auch für immer vom akademiſchen Leben ſchied, erzählt Wilken als Ohrenzeuge:Sein Auditorium lag neben ſeinem Arbeitskabinet; vor der Thür des letzteren ſtand das Katheder, ſodaß er unmittelbar aus dem Kabinet aufs Katheder und ebenſo zurücktreten konnte. Seine Abſchiedsvorleſung ſchloß er mit den Worten:Meine Herrn, es iſt ein bedenklicher Schritt von dem Katheder in das Kabinet, ein Scherz,

der zur traurigen Wahrheit an ihm werden ſollte.