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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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aus denen dann ſpäter unter den Ein⸗ und Nachwirkungen der

V

Freiheitskriege die neuere deutſche Geſchichtſchreibung erwuchs.

In dieſen Jahren, die man als eine Zeit der Gährung und einer gewiſſen Unſicherheit bezeichnen kann, trat denn nun der jugendliche Wilken in die ganz von hiſtoriſchen Intereſſen erfüllte geiſtige Atmoſphäre von Göttingen ein, wo auch die Theologen Eichhorn und Planck und die Philo⸗ logen wie Heyne und früher Gesner auf geſchichtlichem Gebiete thätig waren, und ließ alle die Anregungen der völlig neuen Welt, die ihm dort aufging, willig auf ſich einwirken.

Laut der erhaltenen Matrikel wurde Wilken am 6. Mai 1795 durch den Juriſten J. P. Waldeck inſcribiert. Er wohnte nach Ausweis der Göttinger Studentenver⸗ zeichniſſe(in der Kgl. Univ.⸗Bibl.) und der Akten des Stadt⸗ ſekretariats wenigſtens vom Winterſemeſter 1795/6 ab in der Burgſtraße Nr. 373 bei Joh. E. Hartel, in dem heute dem Herrn Tiſchlermeiſter Teuteberg gehörigen und mit Nr. 25 bezeichneten Hauſe; vom Winterſemeſter 1800 bis zum Frühjahr 1803 Neuer Markt Nr. 340, in dem Hauſe, welches 1803 als Burgſtraße Nr. 12 bezeichnet, im Beſitze des Herrn Privatmanns Benſeler iſt. Mit allem Eifer wandte er ſich von Anfang an der Theologie zu, die von Planck, Stäudlin, Ammon vertreten war, verſäumte aber auch

J. Ch. Eckhardts Erben gehörte und heute,

die klaſſiſchen wie die orientaliſchen Studien nicht. Dabei

ſchloß er ſich beſonders an Heyne, der immer noch vielen

als der erſte Vertreter der deutſchen Philologie galt, und an den Orientaliſten J. G. Eichhorn an, denen er

vom Grafen Kielmannsegg beſonders empfohlen worden rührend ſind auch beſonders Heynes darauf bezügliche Gedichte,

war. Beide nahmen ſich ſeiner, beſonders nachdem ſie ſein rühmliches Streben erkannt hatten, getreulich an, und be⸗ ſonders Eichhorn zog ihn oft in ſein Haus, ließ ſeine Kinder

der zahlreichen erhaltenen Briefe eine wahrhaft väterliche Zuneigung bis zu ſeinem im Jahre 1827 erfolgten Tode bewahrt. Die ſorgfältigen Collegienhefte über Heynes griechiſche und römiſche Altertümer, die er in den zwei erſten Semeſtern hörte, ſind noch vorhanden ¹). Ob er die Collegiengelder bezahlt hat oder ob ſie ihm geſtundet oder erlaſſen wurden, iſt nicht mehr zu ermitteln, da Akten über das Honorarweſen aus jener Zeit zu Göttingen nicht vorhanden ſind ²). Vom Herbſt 1795 wies ihn Heyne, der, in ſeiner Jugend von unſäglicher Not umdrängt ³), in ſo erſchütternder

¹) In der Königl. Bibliothek in Berlin.

²) Die Quäſtur beſteht erſt ſeit 1842, und jeder Dozent regelte vor dieſem Jahre dieſe Angelegenheit ſelbſt..

*) S. ſ. Biogr. v. ſ. Schwiegerſohn Heeren in deſſen S. W. VI;

Hauße, wo er wohnt, bezeugen höre.

Weiſe an ſich erfahren hatte, wie weh der Hunger thut, zwar in eine vakant gebliebene Freitiſchſtelle ¹) ein, ſchreibt aber am 17. Februar 1796 dem Grafen Kielmannsegg: Der stud. theol., nach welchem Ew. Hochgebohren ſich erkundigen, beweiſet überall treuen Fleiß in ſeinen Studien und eine gute ſtille Aufführung, wie ich ſolches auch durch andere Profeſſoren, bey welchen er hört, und in ſeinem Nur ſehe ich nicht, wie er ohne beſſere Unterſtützung ſeine Studien fortſetzen ſoll, ich habe bisher das, was ich vielen anderen zu gleichen Theilen ſchuldig war, an ihn allein verwendet allein dieß kann ich auf das folgende halbe Jahr nicht in gleichem Maagſe fortſetzen, und ich wünſche alſo herzlich, daß zu einer ordentlichen Freytiſchſtelle für ihn Rath zu ſchaffen ſeyn möge; da er ſelbſt bey dieſer, mit dem gar zu wenigen was er hat, ſchwerlich durchkommen kann. Ew. Hochgebohren verzeihen die offenherzige Äußerung bey dem lebhafteſten Verlangen dem armen jungen Menſchen auch fernerhin zu helfen, wie und wo ich kan; bis Pfingſten hoffe ich immer noch beyher Rath für Subſtitution zu ſchaffen. Für die folgende Zeit aber weiß ich jetzt noch nicht woher nehmen ²).

Am 2. März 1797 äußert ſich Heyne ſchon anerkennend und zuverſichtlich gegen den Grafen wie folgt:Ew. Hoch⸗ gebohren habe ich das Vergnügen melden zu können, daß ſich dero protégé, der junge Wilken, Ihrer Unterſtützung voll⸗

kommen würdig macht, fleißig und ordentlich iſt, und mich

kürzlich, da ich ihn in dem Seminario philologico eine Probe⸗ arbeit machen ließ ³), durch ſeine Progreſſen ſehr vergnügt

daſ. S. 401 f. ¹) Es gab deren 82 für die hannöverſchen Landeskinder, 67 für

Ausländer; Heyne konnte ſie zwar nicht ſelbſt beſetzen, aber ſeine von ihm unterrichten und hat ihm auch nach Ausweis

Empfehlung als der einflußreichſten Perſönlichkeit der Hochſchule bei der Beſetzung galt in Hannover viel. Vakanzen vergab er ſelbſtändig. Die Freitiſche wurden zunächſt für ein Jahr, gewöhnlich noch für

ein zweites, jedoch nie für länger verliehen. Die Benefiziaten ließen

Jedenfalls drückte ihn der Mangel.

ſich das Eſſen aus den mit der Herſtellung betrauten Wirtſchaften in ihre Wohnung holen; einen ganz geringen Zuſchuß zu den Koſten hatten ſie übrigens doch zu leiſten. S. Brandes, über den gegen⸗ wärtigen Zuſtand d. Univerſ. G. 1802. S. 263 f. u. Heeren, Biogr. Heynes, S. 264.

²) Kurz vorher, am 11. Febr., hatte Heyne in einem ſeiner bekanntenBillets an Eichhorn über Wilken geſchrieben:Herr Wilken, ein ſehr armer Studioſus der Theologie aus Lauenburg beruft ſich darauf von Ew. Wohlgeb. näher gekannt zu ſeyn. Er ſey Ihnen auch von dem Grafen Kielmannsegg empfohlen, der, ſtatt ihm mit vollem Beyſtand zu helfen, dadurch hilft, daß er ihn andern auf den Hals ſchickt. Er ſcheint ein guter Menſch zu ſeyn, ob er aber ſich bewährt? ob er Kopf hat? wiſſen Sie wohl davon was?

³) DieAspiranten erhielten auch, wie die wirklichen Mit⸗ glieder, wöchentlich 2 Stunden; ſie mußten ſich ein halbes Jahr vor