Durch ſolche Dinge zog ſich Wilken vorerſt den Vor⸗ wurf der Undankbarkeit gegen die Schule zu, die ihm außer der Befreiung von Schulgeld noch andere Wohlthaten zu⸗ gewandt hatte. Nach den Schulakten hat er Michaelis 1794 das größere beneficium chorale zum erſten Male und Oſtern 1795 trotz des erwähnten Vorfalls dasſelbe zum zweiten Male mit je 16 Thlr. 32 Schilling erhalten.
Dieſen Vorwurf der Undankbarbeit hat ihm dann auch noch zwei Jahre ſpäter ſein Gönner und Pate Graf Kielmannsegg ohne beſondere Veranlaſſung in einem ſonſt freundlichen Briefe zu koſten gegeben ¹), ſodaß er jene Vergehungen offenbar gründlich gebüßt hat.
Nach vierjährigem Beſuch des Gymnaſiums ſchied der
achtzehnjährige Jüngling, dem die Schule nichts mehr zu bieten
hatte, im Frühjahr 1795 von der Heimat und den Eltern, um ſie nur noch einmal, im Jahre 1805, wenige Tage lang wiederzuſehen. Gar dürftig ausgeſtattet wanderte er, um Theologie zu ſtudieren, der Landesuniverſität Göttingen zu: jene 16 Thlr., welche die Schule ihm noch zuletzt zu⸗ gewandt, war alles, was er mit auf den Weg nehmen konnte. Von ſeinen Eltern hat er überhaupt während ſeiner ganzen Studienzeit keine Unterſtützung erhalten;
zwei kleine Stipendien, eins von ſeinem Paten Grafen
Kielmannsegg und ein weiteres von einem Lübecker Kauf⸗ mann ²) ihm ausgeſetzt, ſchienen ihn wenigſtens der aller⸗ drückendſten Sorgen zu überheben.
Göttingen iſt mit Recht als die„Königin unter den deutſchen Univerſitäten“ im 18. Jahrhundert bezeichnet worden; es wurden dort in dieſer Zeit über 20 Disciplinen dem Kreis der akademiſchen Lehrfächer eingefügt.
Charak⸗
teriſtiſch war dabei, daß die Göttinger Gelehrten ſich gegen alle philoſophiſche Spekulation, wie ſie z. B. am Ende des
Jahrhunderts beſonders in Jena alle Geiſter erfüllte, ablehnend verhielten und weſentlich realiſtiſch— ein Korrektiv gegen das vorherrſchend Ideale— ſich auf das Thatſächliche der Erſcheinungen, auf die Detailforſchung richteten. Mußte
das damalige Göttingen ſomit darauf verzichten, das geiſtige
Geſamtleben der Nation wirkſam zu beeinfluſſen, ſo hat
es doch auf die realen Wiſſenſchaften, beſonders auf Natur⸗ wiſſenſchaft und Geſchichte, mächtig eingewirkt. Namentlich
wurden faſt alle hiſtoriſchen Hülfswiſſenſchaften, die
Genealogie, die Diplomatik und die Heraldik, die Statiſtik
und die Politik in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in
Glücklicherweiſe hat indeſſen der junge Menſch bald alle Befürchtungen überflüſſig gemacht.
¹) In einem Briefe vom 27. März 1797.
²) Sein Name iſt nicht erhalten; friſchweg hatte der junge Menſch den ihm als in dieſer Weiſe wohlthätig bekannten Mann perſönlich in Lübeck aufgeſucht und um Hülfe gebeten.
Göttingen entweder neu begründet oder in epochemachender Weiſe weiter entwickelt, während andere, wie Chronologie und Geographie, wenigſtens auch der Pflege nicht entbehrten.
Die Namen eines Gatterer, Schlözer, Achenwall, Sartorius,
Spittler bezeichnen glänzende Leiſtungen auf allen dieſen Gebieten; während Pütter die Reichsgeſchichte in nie ge⸗ ſehenem Maße beherrſchte, lagen auch von denſelben Gelehrten, wie z. B. in den Spittlerſchen Geſchichten Wirtembergs und Hannovers, meiſterhafte Leiſtungen auf dem Gebiete der Spezialforſchung vor, und zugleich erhob ſich die Europäiſche Staatengeſchichte in Spittlers„Entwurf“ auf ihren Höhepunkt, die Geſchichte überhaupt aber durch den auch als Publiciſt mächtig wirkenden Schlözer und durch Gatterer zur Univerſal- und Weltgeſchichte. Alle dieſe Gelehrten begründeten die allgemeine Achtung der hiſtoriſchen Studien bei den Gebildeten der Nation, reinigten und
veredelten den Geſchmack bei Behandlung derſelben und
beſtimmten, auch durch die große Zahl ihrer Schüler aus ganz Deutſchland— es wurden halbjährlich gegen Ende des Jahrhunderts an 200 Studenten, darunter etwa ein Drittel Nichthannoveraner, immatrikuliert— die Richtung des hiſtoriſchen Zeitgeiſtes ¹).
Freilich bereitete ſich gerade gegen das Ende des Jahr⸗ hunderts ein gewiſſer Umſchwung im Betrieb der Geſchichts⸗ wiſſenſchaft vor, durch den Göttingen die Führerrolle verlor.
In Jena, das damals Göttingen den Rang ablief, hatte kurz vorher der als Hiſtoriker vielfach unterſchätzte Schiller dem traditionell herabgeſetzten und mißachteten Mittelalter kräftig das Wort geredet, auch die Kreuzzüge, wenn er ſie auch mit Herder noch als ein Produkt der Thorheit und Raſerei anſah, doch— ein Vorläufer Heerens — von Seiten ihrer Folgen richtiger zu würdigen gelehrt, und nicht nur durch eine hohe Kunſt hiſtoriſcher Darſtellung, auf die niemand bisher bedacht geweſen, ſondern auch durch die Erfüllung der Geſchichte mit einem tiefen Gedanken⸗ inhalt, durch das Streben die einſt ihre Zeit bewegenden Ideen wieder aufzufinden, fruchtbare Anregungen gegeben. Auch die romantiſche Schule, deren Hauptquartier gerade damals ebenfalls Jena war, trat für eine gerechtere Be⸗ urteilung des Mittelalters auf, gab, bald wirkſam durch den Druck der Fremdherrſchaft unterſtützt, der Geſchichte die Richtung auf das Nationale und lehrte das Leben der
Völker in ihren Grundlagen erforſchen— lauter Strömungen,
¹) S. darüber beſonders Wegele, Geſch. d. deutſch. Hiſtoriogr. S 756— 772. 786— 802. 803. 869— 886. 893— 895 u. ö.; Weſen⸗ donck, D. Begründung d. Geſchichtswiſſ. durch Gatterer u. Schlözer, wozu übrigens zu vergl. iſt O. Lorenz, Die Geſchichtswiſſenſchaft in
Hauptrichtungen und Aufgaben. I. S. 30. Anm.— Wachler, Geſch. d. hiſt. Forſchung u. Kunſt ꝛc. V. 771—93. u. A.
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