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1 (1894) Jahresbericht über das Schuljahr 1893/94
Entstehung
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Gelehrten in etwas eingehenderer Weiſe darzuſtellen, als eine ausführlichere Schilderung desſelben bisher nicht vorliegt ¹).

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Friedrich Wilken wurde am 23. Mai 1777 zu Ratzeburg in dem damals hannöverſchen Herzogtum Lauen⸗- burg geboren, als älteſter Sohn des Pedellen und Kanzliſten

bei der Regierung und dem Konſiſtorium Chriſtian Erich Wilken(17361809) und ſeiner Ehefrau Sophie, geb. Schmidt aus Hildesheim(1755 1829). Der Vater, Sohn eines Hofſattlermeiſters in Hannover, war vorher Kammer⸗ diener bei dem Präſidenten jener Behörden, dem Land⸗ droſten Grafen Friedrich von Kielmannsegg²) und verdankte

dieſem wohl ſein Amt, das ihn bei wachſender Familie er hatte noch drei Söhne und eine Tochter nur not⸗ dürftig ernährte. Über die Perſönlichkeit des Vaters war

nicht viel zu ermitteln: ſeine Briefe an den Sohn laſſen auf einen recht verſtändigen Mann von anſtändiger Geſin⸗

nung und einem gewiſſen Zartgefühl ſchließen, der, immer beſorgt um ſeine Kinder, ſich beglückt fühlt über die Erfolge

ſeines älteſten Sohnes. Er verſtand die Feder wohl zu führen und ſuchte in den Zeiten der Not, als ihm vom Januar 1807 bis zu ſeinem Tode im September 1809

kein Schilling ſeiner Beſoldung ausbezahlt wurde, durch

Anfertigung ſchriftlicher Arbeiten ſich und die Seinen zu erhalten, unterſtützt freilich, wie von ſeinem älteſten Sohn,

ſo auch von ſeiner Frau, die mit der Tochter Lotte durch

Handarbeiten den Unterhalt für die Familie mit ſchwerem Be⸗ mühen erringen half ³). Das kleine, beſcheidene Wohnhaus der Familie ſtand an dem Platze, welcher die Stadtkirche umgibt).

¹) An Litteratur über Wilken finde ich von Nekrologen mehrerer Tagesblätter abgeſehen nur einen Aufſatz im Allg. Ne⸗ krolog der Deutſchen 1840 2. Teil. S. 118996; einen noch kürzeren wahrſcheinlich von Barthold in der Beilage zur Augsb. Allg. Ztg. 1841. Nr. 12(2 S. S.), von Thorbecke in Weechs Badiſchen Biogr. und die Artikel in Brockhaus'(zuerſt 1826), Meyers, Pierers Conv.⸗Lex. u. in Wageners Staats⸗ u. Geſellſch.⸗Lex. Zu Gebote ſtehen mir im folgenden die Sammlung vieler wichtigen Wilken betr. Akten und Urkunden, Briefkonzepte, Reiſetagebücher von ihm, welche der älteſte Sohn Wilkens, der im J. 1883 zu Köſen verſtorbene, hier in Kaſſel begrabene Geheimrat Fr. Fr. A. Wilken, zuſammen⸗ geſtellt, ſowie die Familiennotizen, welche derſelbe in den Jahren 1877 und 78 aus einem treuen Gedächtniſſe, mit pietätvoller Liebe, vieler Kenntnis der einſchlägigen Verhältniſſe und nach genauen Studien(namentlich über die mütterliche, die Tiſchbeinſche Familie) in der ſinnigſten Weiſe aufgezeichnet hat; außerdem mehr als 1200 an Wilken gerichtete Briefe.

²) 1728 1800, Stammrvater aller ſpäteren Grafen dieſes N.; ſiehe über ihnFamilienchronik der v. K. 1872. 1538.

³) Die abfällige briefliche Äußerung des Superintendenten Eggers über den Vater Wilken, ſ. folg. Spalte Note 3 a. E., wundert mich daher. Silhouetten beider Eltern ſind noch vorhanden.

¹) S. u. Nachträge.

Bis zum 14. Jahre beſuchte Friedrich, durch Anlagen und Fleiß ſchon auffallend, die Stadtſchule und ging dann, nachdem er am 30. April 1791(wie ein noch erhaltenes ſelbſtverfaßtes Beichtgebet zeigt) vom Superintendenten Eggers konfirmiert worden, als Freiſchüler auf das(mecklen⸗

burg⸗ſtrelitzſche) Domgymnaſium ſeiner Vaterſtadt über, in deſſen beiden Klaſſen drei Lehrer unterrichteten.

Dem Rektor Riemann, Vater des als Stifter der Jenenſer Burſchenſchaft 1815 bekannt gewordenen, 1871 zu Friedland verſtorbenen Heinrich Armin Riemann, hing er mit achtungs⸗ voller Liebe an; der Subrektor Harnack aber und der Cantor Schmidt wußten ſich nicht in Reſpekt zu ſetzen. Sein Wiſſensdrang ließ den lebhaften, aufgeweckten Knaben trotz mangelhaften Unterrichts ¹) bei angeſtrengtem Fleiß erfreuliche Fortſchritte, beſonders in den Sprachen machen ²). Häufig beſuchte er eine alte Jüdin, um ſeine hebräiſchen Kenntniſſe bei ihr zu vermehren. Er lernte daneben Violine wie Klavier ſpielen, und ſeine ſchöne Diskantſtimme kam ihm, dem Freiſchüler, der an den Vorabenden der Feſttage vor den Häuſern Currende mitſingen mußte, recht zu ſtatten.

Indeſſen verließ Wilken die Schule doch nicht, ohne unmittelbar vor ſeinem Abgang unliebſamen Anſtoß erregt zu haben, wodurch er denn auch noch eine ſtarke Schul ſtrafe erhielt ³).

¹) Utinam talibus praeceptoribus uti mihi licuisset, ſchreibt er in ſein Tagebuch am 20. Septbr. 1799 nach einem Beſuch bei den Gothaer Gymnaſiallehrern.

²) Schulzeugniſſe waren indeſſen im Archiv der Schule nicht mehr zu finden.

¹) Nach den im Archiv der Domſchule noch vorhandenen Akten, in die Herr Probſt Ohl mir freundlichſt Einſicht verſtattete, vergaß ſich Wilken Ende März 1795 während des Gottesdienſtes in der Kirche, wo er im Chor mitſang, ſoweit, daß er frivole Poſſen trieb und dann, nachdem er einen Verweis des Subrektors ruhig hingenommen, die Einmiſchung des Cantors Schmidt mit den Worten: Das geht Sie gar nichts an! zurückwies. Am 28. März iſt dann nach einem Vermerk des Ephorus Dompropſt Nauwerk in den Dis⸗ ciplinaraktender Choralis Friedrich Wilken mit 6ſtündiger Carcer⸗ ſtrafe belegt worden, die von 11 Vorm. bis 5 Uhr Nachm. an ihm vollzogen iſt. Auch ein Spottgedicht, das er auf den Cantor ge⸗ macht, und ähnliche Streiche laſſen einen übermütigen jungen Burſchen in ihm erkennen; ſo ſchreibt denn auch ſchon der lauenburgiſche Superintendent Eggers in der vom Domhof getrennten Stadt Ratze⸗ burg, bei dem der doch wohl beſchämte und reuige, vielleicht aber auch trotzige junge Menſch getrennt von ſeinen nur gemeinſchaftlich mit dem Rektor communicierenden Mitſchülern das Abendmahl nehmen wollte, an Nauwerk, der ihm auf ſeine Anfrage über Wilkens Be⸗ tragen Mitteilungen gemacht hatte:Jetzt iſt es noch Zeit, den durch andere Ausſchweifungen mir bekannt gewordenen Wilke entweder zu beſſern, oder ihn außerhalb unſeres kleinen Diſtrikts zu erhalten. Dieſer Menſch iſt mir wieder ein Beweis, daß das Beiſpiel eines ſchlechten Vaters(ſ. o. Sp. 1 N. ¹)) keinen guten Samen keimen läßt.