Der hiſtarilier Friedrich Willien.
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Nls der 18jährige Friedrich Auguſt Wolf, der Begründer der modernen Altertumskunde als einer ſelbſt⸗ ſtändigen Wiſſenſchaft, am 8. April 1777 zu Göttingen den Prorektor, ſpäter heſſen⸗kaſſelſchen Leibarzt und Mar⸗ burger Profeſſor Baldinger, erſuchte, ihn als studiosus philologiae zu immatrikulieren, lachte dieſer erſt laut auf: medicinae studiosos gebe es wohl, auch juris und theo- logiae, ja ſelbſt philosophiae; aber auch wer ſich vorzüglich auf Mathematik und dergleichen doctrinas philosophicae facultatis legen wolle, ſei dennoch als theologus einzu⸗ ſchreiben. Ein Student der Philologie ſei ihm in praxi noch nicht vorgekommen. Habe er nun die Abſicht, was Gott abwenden wolle, ein Schulmeiſter zu werden, ſo müſſe er ihn doch als Theologen einſchreiben. Durch ſeine Beharrlichkeit wußte der angehende Student in⸗ deſſen doch endlich ſeine Inſcription in der gewünſchten bedeutungsvollen Form durchzuſetzen ¹).— In der That
war es im 18. Jahrhundert eine ganz gewöhnliche, auch in der Entwickelung der neueren Wiſſenſchaft begründete Erſcheinung, daß hervorragende Philologen und beſonders auch Hiſtoriker anfangs der Theologie, als der herrſchenden Wiſſenſchaft, anhingen, um von ſolchen Anfängen aus ſich dann zu dem eigentlichen Felde ihrer Begabung durchzu⸗ ringen. Mit einem Gatterer, Schlözer, Johannes v. Müller, mit einem Spittler, Wachler, Schloſſer und Dahlmann, mit Hurter, Barthold, Gfrörer, Köpke, und endlich noch mit dem Altmeiſter der Geſchichte in unſerm Jahrhundert, mit V Ranke, teilt dieſen Entwickelungsgang auch Friedrich Wilken, der Verfaſſer des erſten grundlegenden und in ſeiner umfaſſenden Ausdehnung noch heute einzig daſtehenden Geſchichtswerkes über die Kreuzzüge. Wie es
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¹) Körte, Leben Friedr. Aug. Wolfs, des Philolog. I. S.
überhaupt gerade Theologen geweſen waren, wie Arnold, Mosheim, Semler, Walch, die in einer Zeit, wo die Ge⸗ ſchichtſchreibung noch in völliger Unſelbſtändigkeit darnieder lag, kritiſch⸗hiſtoriſchen Sinn bewährten und den deutſchen Gelehrten erhielten, ſo ward auch Wilken urſprünglich gerade durch ſein theologiſches Intereſſe auf das eine der beiden von ihm beſonders bearbeiteten Gebiete, das der orientaliſchen Sprache und Geſchichtslitteratur, hingewieſen, welches zur Aufhellung eines bis dahin nur einſeitig dargeſtellten und beurteilten Zeitraums fruchtbar gemacht zu haben gerade ſein eigentümliches und auch heute noch von den erſten Forſchern als unſchätzbar anerkanntes Verdienſt ausmacht.—
Iſt dieſes ſiebenbändige Hauptwerk Wilkens ¹) auch heute, beinahe 100 Jahre nach dem Erſcheinen des erſten Bandes, nach Auffindung vieler neuen Quellen und Hülfs⸗ mittel und vermöge der Anwendung der neueren methodiſchen Quellenkritik in manchen Beziehungen überholt, in vielen
Einzelheiten berichtigt und vervollſtändigt, und ſo zu einem
Teile, z. B. hinſichtlich der Geſchichte des erſten Kreuzzugs veraltet— das faſt unvermeidliche Schickſal übrigens jeder noch ſo hervorragenden derartigen Leiſtung—, ſo verdient es doch nach dem Ausdruck berufener Kritiker ²) in Rückſicht der Forſchung wie der Darſtellung unter den hiſtoriſchen Darſtellungen, die zwiſchen der Zeit Johannes v. Müllers und Ranke liegen, die ehrenvollſte Erwähnung und bleibt für jene Periode ein klaſſiſches Werk.—
Es wird daher um ſo eher zu rechtfertigen ſein, wenn im folgenden der Verſuch gemacht wird, das Leben dieſes
¹) Es erſchien von 1807— 1832.
²) S. z. B. Julian Schmidt, D. Deutſche Litt. im 19. Jahrh. II. S. 452; Koberſtein, Grundr. d. d. Nat. Litt. V. 547. Urteile anderer, beſonders hiſtoriſcher Autoritäten werden weiter unten an
ihrer Stelle anzuführen ſein.
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