Druckschrift 
3 (1874)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

überhaupt etwas zu lernen. Nicht nur, daß dieſelbe Vergeßlich⸗ keit, in der das Andenken an die näher liegenden Thatſachen und Ereigniſſe ſpurlos verſchwindet, ihre Alles verdunkelnden Schatten auch über die entfernteren Zeiten verbreitet: bei der ausſchließlich von der Gegenwart beſtimmten und beherſchten Geſinnung lagert ſich auch in dem Fall, wo man die Thatſachen der Vergangenheit äußerlich kennt, doch zwiſchen dieſe und den, der ſich ihrer er⸗ innert, ein ſolches Gewölk von Anſchauungen, Gedanken, Tendenzen, Wünſchen und Einbildungen, die lediglich der Gegenwart ange⸗ hören, daß an ein Lernen aus der Vergangenheit gar nicht zu denken iſt.

Der irdiſch Geſinnte, wo er je einmal nach den vergangenen Zeiten zurückblickt, ſieht die geſchichtlichen Thatſachen entweder mit einem ganz in der Gegenwart befangenen Auge an und dann hat er zwar jeweilig vergangene Dinge vor ſich, in Warheit aber i*ſt er doch durch eine undurchdringliche Kluft von ihnen geſchieden, und ganz und gar in den engen Kreiß ſeiner eigenen Gegenwart gebannt oder die Begebenheiten und Zeitperioden treten, wie ſein eigenes Denken überhaupt zuſammenhangslos iſt, ganz ver⸗ einzelt, atomiſtiſch vor ſeine Sinne; irgend welchen ſtufenmäßigen Entwickelungsgang, ein Aufſteigen und Herabſinken, Licht und Finſternis vermag er nicht zu erkennen; eine Zeit hat in ſeinen Augen ſoviel Berechtigung, als die andere, jede Generation fängt, ohne weſentlichen Zuſammenhang mit der jedesmal vorausgehen⸗ den, wieder von vorn an, jede Periode erhebt ſich aus dem Zeiten⸗ meere, ohne von ihren Vorgängern getragen zu werden, wie jeder Tag des Genußes ſelbſtändig für ſich empor. Daß ſich bei einem ſolchen Unvermögen, aus der Geſchichte der Vergangenheit über⸗ haupt zu lernen, abermals von wirklichen Fortſchritten nicht viel wird finden laßen, liegt auf der Hand.

Wer bei den Thatſachen der Weltgeſchichte, bei der Ge⸗ ſchichte ſeines Volkes in ihrem zeitlichen Verlauf nicht zu ver⸗ weilen, nichts daraus zu entnehmen vermag(ich meine zunächſt nur für ſein Wißen), der kommt natürlich niemals auch nur an⸗