4 gerade umgekehrtem Verhältnis; je mehr dieſe wächſt, deſto mehr tritt jene zurück.
Es iſt hier nämlich nicht von eigentlicher Geiſtesträgheit die Rede, die nicht lernen, ſich nicht anſtrengen mag. Im Gegen⸗ teil, es kann ein fortwährendes Lernen und Leſen, ein unabläßiges Aufnehmen der verſchiedenartigſten Wißensſtoffe vorhanden ſein, und von der rechten Hingabe der Seele iſt doch keine Spur zu ſehen. Auch habe ich nicht die Unfähigkeit im Auge, das Ein⸗ gelernte zu behalten; auch da, wo das auf irgend welchem Wege durch Hören oder Leſen oder fremde Unterweiſung Erlangte feſt⸗ gehalten, ja ſelbſt wo ſich in Gedanken damit beſchäftigt wird, die Wißensſtücke combiniert und wieder getrennt oder in dieſer und jener Beziehung zu einer Art Anwendung gebracht werden, auch da wird trotzdem die rechte Hingabe der Seele oft ſehr ver⸗ mißt. Denn bei alledem bleibt genau betrachtet nur zu oft die Seele, deren Weſen es gerade iſt, in wunderbarer Beweglichkeit über Berg und Thal, über Land und Meer, von Nord nach Süd, von Oſt nach Weſt, von der Erde bis zu den fernſten Sternen⸗ bahnen, vom heutigen Tag zurück bis in die entlegenſten Zeiten und von da durch alle Jahrhunderte, durch aller Völker Geſchichte und alle Gebiete des Lebens hindurchzudringen, ohne ſich dabei doch zu verlieren— nur zu oft bleibt die Seele im Gegenſatz zu dieſer ihrer Natur lediglich in ſich und ihrem engen Gedanken⸗ kreiß ſelbſtſüchtig verſchloßen. Dieſes kalte, ſtarre, trotz alles ſcheinbaren Intereſſes für Kunſt und Wißenſchaft, für Geſchichte und höhere Bildung doch völlig unlebendige in ſich Verbleiben der Seele iſt es nun, was in unſerer Zeit ſo bedenklich weit ver⸗ breitet erſcheint.
Es kann natürlich nicht meine Abſicht ſein, dieſer Thatſache in ihrer ſehr mannigfaltigen Erweiſung auf allen Gebieten des Lebens bis ins Einzelnſte nachzugehen,— wie wäre das in den wenigen Augenblicken, die mir hier geſtattet ſind, irgend möglich? Ich muß mich vielmehr darauf beſchränken, mit ein paar Finger⸗ zeigen darauf hinzuweiſen, wo und wie im Allgemeinen dieſe Er⸗


