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3 (1874)
Entstehung
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ſcheinung hervortritt, und wodurch wir allein von dieſer Seelen⸗ krankheit denn als ſolche muß ſie ohne Zweifel angeſehen werden können geheilt werden oder vor ihr bewahrt bleiben.

Wie oft müßen wir die Klage hören, daß unter unſerer Jugend die Pietät in Haus und Schule auf eine Erſchrecken er⸗ regende Weiſe abnehme. Aber wo tritt dieſe betrübende Erſcheinung am grellſten hervor? Da wo das Kind und der Schüler ſchon früh anfangen, ſich auf ſich ſelbſt zurückzuziehen, ſtatt in ſtarkem Vertrauen und treuem Gehorſam ihre Seelen in die Hände derer zu legen, denen ſie befohlen ſind. Und wenn wir als Lehrer und Erzieher ſo oft die ſchmerzliche Erfahrung machen müßen, daß trotz aller äußeren Aufmerkſamkeit auf die Worte des Lehrers, ja trotz alles äußerlichen Annehmens der Lehre ſowol, wie der Ermahnung dennoch kein lebendiges Wißen, keine rechte Aneignung erreicht wird, müßen wir nicht einen Theil der Schuld dem bei⸗ meßen, daß die Schüler und Zöglinge nur Worte hören und auf⸗ nehmen, nicht aber ihre Seelen ohne zerſtörende Reflexion an das rechte Lehr⸗ und Erziehungswort des Lehrers in wahrer Herzens⸗ einfalt und ohne Rückhalt dahingeben.

Oder gehen wir über den engeren Kreiß der Schule hinaus in die weiteren Gebiete der Wißenſchaft und des weltlichen, ja des kirchlichen Lebens: drängt ſich uns nicht auch da dieſelbe Er⸗ ſcheinung auf? An Sammlung reichen Materials, an gelehrten Forſchungen fehlt es vielfach durchaus nicht; aber ſehr häufig wird ſofort Alles nach den in ſich erſtarrten und iſolierten Ge⸗ danken des Einzelnen umgeſtaltet und dem zerſtörendſten Sub⸗ jectivismus preisgegeben. Selbſt da, wo mitunter die prächtigſten, glänzendſten Anſichten auftauchen, begegnen wir häufig einer ſehr bedenklichen Selbſtbeſpiegelung in den eigenen Geiſtesprodukten, die doch am Ende nichts zanderes, als Augenluſt iſt, und zwar um ſo gefährlichere Augenluſt, als dadurch die Seele nur zu leicht in den Wahn verſenkt wird, daß ſie ſich wirklich in der objectiven Wahrheit bewege, während ſie doch meiſt nur mit ihren eigenen Gedanken ſpielt. Geſchichtsbücher, Literaturgeſchichten und theo⸗