—2
vollen Bedeutung dieſes Wortes, haben wir nicht eine irdiſche, ſondern eine himmliſche Abſtammung, die obwol eine in der Zeit eingetretene, doch zugleich eine ewig⸗gegenwärtige iſt. Denn der uns zu einem chriſtlichen Volke berufen und geſchaffen hat, der zu uns, die wir nicht ſein Volk waren geſagt hat: du ſollſt mein Volk ſein und zu uns, die wir nicht ſeine Liebe waren: du ſollſt meine Liebe ſein, iſt kein anderer, als das ewige Wort vom Vater, der Abglanz Seiner Herlichkeit und das Ebenbild Seines Weſens, der aus dem Licht, in dem er wohnte, ehe der Welt Grund gelegt war, in der Fülle der Zeiten in unſer armes Leben herabgekommen iſt und ſich durch ſein theueres Blut, am Kreuz auf Golgatha ver⸗ goßen, Seine Kirche erworben hat, Seine Kirche, in der Er nun perſönlich gegenwärtig iſt und Seine Gnadengaben austeilt, bis der Sieg errungen iſt und alle Seine Feinde ihm zu Füßen liegen.
So ergibt ſich uns auf unſere Frage: wann ſinken wir von unſerem chriſtlichen Beruf herab? die zweite Antwort: wenn wir uns von der Kirche des Herrn und dem, was ſie in Kraft und Vollmacht unſeres Hauptes an uns thut, losſagen, ihre Heilsgüter verſchmähen und eine andere Quelle des Lebens, einen andern Chriſtus ſuchen. Iſt ſie doch die Mutter, die uns geboren, die uns auf ihren treuen Liebesarmen zum Altar des Herrn in Sein Heiligtum getragen, um uns durch die Wiedergeburt aus dem Waßer und Geiſt, ohne welche Niemand das Reich Gottes ſehen kann, in die Lebensgemeinſchaft deſſen aufzunehmen, der Vergebung der Sünden und ewige Seligkeit in Seinen um unſertwillen durchgrabenen Händen trägt. Da iſt uns der character indelebilis auf⸗ gedrückt, den auch der Abtrünnige nicht loswerden kann, nur daß ſich für ihn der Segen des Friedens⸗ bundes auf ſeinem Haupte in den brennenden Fluch, in die lichtloſen finſtern Tiefen des ewigen Todes verwandeln wird. Hier in der Taufe in Chriſti Tod iſt uns das Anrecht auf das himmliſche Erbe aus Gnaden verliehen, hier die Krone uns aufs Haupt geſetzt, durch die wir zu dem königlichen Geſchlecht gehören; hier die That an uns geſchehen, durch die wir aus dem niederen Gebiet der bloß irdiſchen Exiſtenz des natürlichen Lebens auf die höhere Stufe des geiſtlichen ewigen Daſeins emporgehoben und mit den geiſtleiblichen Organen verſehen ſind, dergeſtalt, daß wir nun nicht bloß mit unſeren irdiſchen Augen die Dinge dieſer Welt, ſondern mit den Augen des Geiſtes die ewigen Dinge des Reiches Gottes zu erkennen vermögen. Und ſo mächtig iſt dieſe himmliſche Gabe, ſo reich an Troſt, ſo ſtark an Kraft, daß ſie in den ſchwerſten Tagen und dunkelſten Zeiten, wo kein Zuſpruch, keine Beruhigung mehr recht verfangen wollen, plötzlich ihr wunderbares Licht leuchten läßt und die ſiegreiche Gewisheit ihres Beſitzes uns wie auf Adlers Fittigen aus des Abgrunds Tiefen zu den lichten Friedenshöhen trägt. Und wer kann zählen, wie oft das hehre Kleinod, Jahre lang vom Sündenſchmutz des verirrten Menſchenherzens verdeckt, unter gottgeſandten Erweckungen und Gemütserſchütterungen doch endlich wieder hervorgebrochen und der verlorenen Seele zur Retterin aus dem Verderben geworden iſt? Und die Heilighaltung dieſes Gutes ſollte nicht eins der vornehmſten Stücke unſeres Chriſtenberufs ſein? Wahrlich, dieſes Heilsgut beharrlich verachten, die Krone, die uns geſchenkt iſt, abſichtlich in den Staub werfen, das Leben gebende Bewußtſein von der geiſtlichen Neuſchöpfung verlieren, und dem Grunde unſerer höheren Exiſtenz trotzig den Rücken wenden, mit einem Worte den Zuſammenhang zerreißen, der uns in die Kette der Lebendigen einreiht— was heißt das anders, als zum Verräter an unſerem Chriſtenberufe werden? Damit aber


