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den abgeſchnittenen Zweigen eines Baumes, die wol eine Zeitlang noch von dem vorhandenen Safte grün bleiben, dann aber, eben weil ihnen aus der Wurzel kein neues Leben mehr zuſtrömen kann, notwendiger Weiſe verdoren müßen. Iſt es doch ſelbſt auf dem weltlichen Gebiete der beiden großen vorchriſtlichen Culturvölker in gewiſſer Beziehung nicht viel anders. Ihren eigentlichen welthiſtoriſchen Beruf hatten die Hellenen in den gewaltigen Kämpfen gegen„die Barbaren“, die Perſer, erfüllt: durch die Siege bei Ma⸗ rathon und Salamis war das Erbe geſchützt, das ſie vor der Zerſtörung durch feindliche Kräfte bewahren und ſo der Nachwelt überliefern ſollten. Daher war die Zeit, in der dieſes Bewußtſein in ihnen lebendig war, die Zeit, in der ſie noch vom Geiſt der glorreichen Marathonomachen erfüllt waren, ihre eigentliche Blütezeit. Als ſie aber anfiengen, dieſe für ſie Norm gebende Zeit zu vergeßen und zu verleugnen, da ſanken ſie auch in politiſcher Hinſicht von Stufe zu Stufe herab, bis ſie unter Philipps Scepter gebeugt und dann unter der Römer eiſernen Herſchaft in der That nur ein kleinliches, atomiſtiſches, von ihren Ueberwindern verachtetes Scheinleben führten. Und dieſe ihre Beherſcher, das ſtolze Römervolk hielt ſich zwar länger,— es mußte erſt ſeine Beſtimmung erfüllen, die vierte Weltmonarchie zu gründen—, aber als Volk ſank es bereits von ſeiner Höhe herab, als es der Heldenzeit ſeiner Väter vergaß und des Kampfes, in dem„die ewige Roma“ als dereinſtige Trägerin der griechiſchen Kultur über den merkantilen Geiſt der hochmütigen Punierſtadt den Sieg davon getragen; trotz ſeiner Größe gieng es doch von da ſeinem Untergang entgegen, wie dieß bekanntlich auf den Trümmern von Karthago der gröſte Römer mit untrüglicher Ahnung in Hektors berühmten Worten*⁴) ausſprach: 20O11.⁵ ⁴ααe 1ν⅞ν νυο l,l⁰ ν— Is 100, 2 HoOidus 2 2αos uνμυμμ⁴ν οεαα.
Und nun gar das Volk, deſſen Geſchichte die Geſchichte aller Geſchichte iſt! Als das Zehnſtämme⸗Reich deſſen vergaß, der das ganze Israel, wie die Wurzel den Baum mit ſeiner Krone, trug und der Ver⸗ heißung, die den Vätern gegeben war, nicht mehr gedachte, ſank es von ſeinem Beruf, den es eben noch unter Salomons glanzvoller Regierung ſo hochgehalten, unrettbar herab, und ward in die Hände ſeiner Feinde zu gänzlicher Zerſtörung dahingegeben. Und wenn auch Juda bleiben mußte, bis der kam, des Aufgang von Ewigkeit iſt, wahre Israeliten blieben nur, die Abrahams Kinder waren; als die Greuel der Verwüſtung über Jeruſalem hereinbrachen, da retteten dieſe, der geiſtliche Same, ihr Leben allein.
Doch kehren wir zu unſerem Volke zurück: die bloße hiſtoriſche Erinnerung an die geiſtigen Urſprünge unſeres eigentlichen Daſeins thut es freilich nicht,— die würde uns vor dem Herabſinken aus unſerem Beruf in keiner Weiſe ſchützen können; es kommt vor allem darauf an, ſich zu dieſen Urſprüngen zu bekennen, ſich in ſie hinein zu vertiefen, ihren geiſtigen Lebensgehalt aufzunehmen und getreulich zu bewahren. Das ſind wir aber nur dann zu thun im Stande, wenn wir an den ewigen Gütern feſthalten, in denen eben jene Urſprünge fortwährend lebendig und gegenwärtig ſind. Hätten wir blos irdiſche, alſo vergängliche Daſeinsanfänge aufzuweiſen, dann wären wir allerdings lediglich auf eine längſt entſchwundene Vergangenheit gewieſen;— als chriſtliches Volk aber, in der
*) Hom. II. VI. 448 f.


