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2 (1871)
Entstehung
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Geſchichte unſeres Volkes ſo herrlich entgegenleuchten, etwa nur die natürlichen Stammesgaben oder auf dem Wege natürlicher Entwickelung aus denſelben hervorgegangen? Das wird Niemand, der mit der deutſchen Geſchichte nur einigermaßen vertraut iſt, in Warheit behaupten können. Wol hat Gott auch dem deutſchen Volke hohe Naturgaben mit auf ſeine Pilgerſchaft gegeben, aber alleſamt nur um des Be⸗ rufes willen, zu dem es beſtimmt war, auf daß dieſe Gaben durch das Evangelium gehoben und verklärt würden. Als das Wort vom Kreuz unſeren Vätern verkündiant wurde, als das helle Licht der Warheit, die aus Gott iſt, das Waldesdunkel um ſie her mit ſeinem himmliſchen Scheine erleuchtete, als ſie ſich überwinden ließen von dem, der die Starken zum Raube haben ſollte und demütigen Sinnes Ihm, dem Herzoge ihrer Seligkeit nachfolgten, als ſie mit gläubigen Herzen aufnahmen das Heil, das ihnen ge⸗ predigt ward, da wurden ſie eben ein neues Volk, in einen höheren Lebenszuſammenhang emporgehoben und mit anderer Speiſe, mit dem Brote des Lebens genährt. Da, in dieſer Emporhebung aus der bloß natürlich⸗nationalen Exiſtenz auf eine höhere Daſeinsſtufe lagen nun fortan für ſie die wahren Lebens⸗ quellen; wahrhaft geſunde Lebenszuſtände waren in Folge deſſen nur in dem Maße vorhanden, als ſich alle Seiten des inneren, wie des äußeren Lebens, alle Verhältniſſe des öffentlichen und Privatlebens don dem Geiſte Chriſti mit ſeiner ſchöpferiſchen und erhaltenden Lebensmacht durchdringen ließen. In dieſer Exiſtenz des deutſchen Volkes als eines chriſtlichen Volkes lag alle geiſtige Kraft und Größe, aller Segen und alles Gedeihen beſchloßen. Nur als ſolches war es begreiflicher Weiſe im Stande, in der erſten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Heilserfahrung der Kirche des Herrn in der Perſon des deutſchen Gottesmannes Luther in ſich aufzunehmen und weiter zu tragen durch die kommenden Jahrhunderte; nur als ſolches vermag es dieß noch. Ja auch die zweite Höhezeit deutſcher Nationalliteratur wäre ohne dieſe tiefe Grundlage nicht möglich geweſen und als ihr charakteriſtiſches Merkmal kann daher in ſo weit mit Fug und Recht die Verſchmelzung der antik klaſſiſchen Form mit dem chriſtlich⸗germaniſchen Geiſte an⸗ geſehen werden. Dieß iſt die eigentliche Bedeutung des Wortes, das Göthe einmal in einer Weiſe aus⸗ geſprochen hat, wie es viele wol ſchwerlich von ihm erwarten werden:alle Epochen, in denen der Glaube herſcht,(unter welcher Geſtalt er wolle) ſind glänzend, erhebend, fruchtbar für Mit⸗ und Nach⸗ welt; alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es auch ſet, einen kümmerlichen Schein behauptet, und wenn ſie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlen ſollten, verſchwinden vor der Nachwelt, weil ſich Niemand gern mit der Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag. Vergeßen wir nun in ſolchem Unglauben dieſen Urſprung unſeres Volkes als eines chriſtlichen oder verleugnen wir ihn ſogar durch Wort und That, wollen wir nicht mehr Glieder eines chriſtlichen Bolkes ſein: ſo ſinken wir eben damit aus unſerem chriftlichen Beruf heraus, treten aber damit nicht etwa auf den vorchriſtlich⸗germaniſchen Standpunkt zurück der iſt ja unwiderbringlich dahin, noch weniger gelangen wir etwa auf der althelleniſchen oder römiſchen Bolks⸗ und Lebensſtufe an; die iſt als ſolche gleichfalls unwiderbringlich verſchwunden und die Verſuche, ſie repriſtinieren zu wollen, ſind ebenſo lächerlich, als erfolglos, ſind eine Manie, zu deutſch Tollheit, wie Schiller ſie völlig zutreffend kennzeichnet. Nein, es bleibt uns keine andere Stelle wir ſinken zu abgefallenen Chriſten herab und gehören als ſolche überhaupt keinem wirklich lebenden Organismus als lebendige Glieder mehr an und gleichen

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