Druckschrift 
2 (1871)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

ihnen ab⸗ und auf ſich zu nehmem? Daß Gottes Gnadenratſchluß durch ſeines Volkes Abfall nicht auf⸗ gehoben werde, ſondern trotzdem ſeinen ruhigen, majeſtätiſchen Gang durch die Reihe der Jahrhunderte hindurchgehe, bis alles vollendet, das ſchaute der heilige Apoſtel, deſſen Augen erleuchtet waren durch das Licht von oben, mit voller Geiſtesklarheit und Gewisheit. Aber das ergreift ihn in innerſter Seele, daß er erkannte, wie ſein Volk in grauenhafter Selbſtverblendung ſein eigenes Heil verſcherzte und den von ſich ſtieß, der das Licht der Welt und auch Israels Licht iſt; das verſenkte ihn in die tiefſte Traurigkeit, daß er es täglich vor Augen ſah, wie ſein Volk freventlich aus dem gottgewollten und gottgegebenen Be⸗ rufe herausfiel, wie es unabläßig die rechten Lebenskräfte von ſich ſtieß und ſo in thörichtem Mutwillen an ſeiner eigenen Zerſtörung arbeitete. Und er wußte es nur zu gut: wo ein Aas iſt, da ſammeln ſich die Adler; ſie ſind gekommen die römiſchen Adler und haben Jeruſalem zerſtört, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Ganz ähnlich iſt das Weh und der Schmerz eines jeden treuen Patrioten, dem es unerſchütterlich feſtſteht: auch für uns iſt in keinem andern Heil, auch für uns iſt kein anderer Name ge⸗ geben worden, darinnen wir ſollen ſelig werden, denn der Name Jeſu Chriſti. Auch für ihn, der ſein Volk wahrhaftig liebt, gibt es kein größeres Leid, als ſehen zu müßen, wie eben dieſer Name des Heiligen und Gerechten weithin in Reden und Schriften fortwährend verleugnet oder gar geläſtert, wie jedem Bekenntnis zu Ihm mit Spott und Hohn begegnet, jede Losſagung von Seinem ewigem Worte und jede Auflehnung wider Seine heiligen Ordnungen mit lautem Beifallsgeſchrei begrüßt wird; und wie in Folge deſſen die Lüge überhand nimmt und alle ſtaatlichen, alle kirchlichen Bande ſich löſen, alle Grundlagen der Sittlichkeit und Bedingungen eines geſunden nationalen Lebens untergraben werden, alſo daß der Schrei aus der Bruſt ſich losringt: dankeſt du alſo dem Herrn Deinem Gott, du toll und töricht Volk? Iſt Er nicht dein Vater und dein Herr? Iſt Er es nicht allein, der dich gemacht und bereitet hat? Ge⸗ denke doch der vorigen Zeiten und betrachte, was er gethan hat an deinen Vätern!

Wollen wir nun nicht auch mit zu denen gehören, die auf die innere Zerrüttung und äußere Zer⸗ ſtörung ihres eigenen Vaterlandes ausgehen, dann müßen wir uns eben vor allen Dingen davor hüten, von unſerem chriſtlichen Berufe herabzuſinken.

Wann dieſes Herabſinken von unſerem chriſtlichen Berufe eintritt? Es gibt der Antworten viel auf dieſe Frage; aber beſchränken wir uns dießmal darauf einige Hauptzeichen als feſte Mark⸗ und Grenz⸗ ſteine aufzuſtellen. Die erſte Antwort liegt in der That ſehr nahe. Wir werden von unſerem chriſtlichen Berufe unfehlbar dann herabſinken, wenn wir unſere geiſtigen Lebensurſprünge vergeßen oder gar abſichtlich verleugnen. Denn dieſe Urſprünge, dieſe Wurzeln unſeres geiſtigen Lebens liegen weder in Hellas, noch in Latium, noch gar in einem kulturloſen Naturzuſtand, ſondern im Chriſtentum oder genauer in der Wiedergeburt und Neubildung unſeres natürlichen Volkslebens durch die umgeſtal⸗ tenden und erneuernden Lebenskräfte des Evangeliuus. Oder iſt die Blüte unſerer älteren Dichtung und Kunſt, iſt Heldenlied und Minnegeſang, iſt Rittertum und Rumesthat, ſind die Wunder der gothiſchen Baukunſt und die anderen Denkmale jener großen Zeit etwa auf dem Stamm griechiſcher und römiſcher Weltkultur erwachſen? ſind deutſche Treue und Hingebung, deutſcher Mut und Gehorſam, deutſche Keuſch⸗ heit und deutſcher Edelſinn, deutſche Furchtloſigkeit und Demut, wie ſie uns in den beſten Zeiten der