Druckschrift 
2 (1871)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

finden, noch mehr, er weiß ſich auch mit großer geiſtiger Lebendigkeit und Beweglichkeit in die An⸗ ſchauungen und Empfindungen, in das Denken und Wollen fremder Nationen zu verſetzen, ſich ihnen an⸗ zuſchmiegen und ſo in ſie hineinzuleben, daß er in ihnen völlig heimiſch wird. Da iſt keine unter den tauſend Stimmen der Völker, die ihm unverſtanden bliebe, keine Nation in Oſt und Weſt, in Süd und Nord, die ihm ganz undurchdringlich gegenüberſtünde: ſind einmal Berührungspunkte gegeben, ſo ſieht er mit empfänglichem Auge ſich überall um und ſucht mit den feinen Gefühlsfäden ſeines Geiſtes dem frem⸗ den Volke auf allen ſeinen Wegen zu folgen, bis ſich das Bild deſſelben treu und wahr in ſeiner Seele wieder ſpiegelt. Inſofern läßt ſich mit Recht von einer gewiſſen Univerſalität des deutſchen Geiſtes reden, und darin liegt allerdings ein ſehr bedeutender geiſtiger Vorzug. Aber er iſt und bleibt dieß nur ſo lange, als der Zuſammenhang mit der Wurzel, aus der er ſeine Kraft zieht und mit dem Beruf, dem er ſeine Exiſtenz verdankt, unerſchütterlich feſtgehalten wird; ſonſt verwandelt ſich die Lichtſeite ſehr bald in finſtere Schatten. Und dieſer Beruf des deutſchen Volkes es iſt kein anderer, als Träger des Evangeliums zu allen Völkern, ein Miſſionsvolk zu ſein, mit dem Evangelium von der Gnade Gottes in Chriſto allen Völkern zu dienen bis an der Welt Enden. Darum weil der heilige Apoſtel Paulus auf dem Wege nach Damaskus umleuchtet ward von dem Licht aus der Höhe und von dem erhöhten Heiland der Welt be⸗ rufen, Sein Wort zu den Juden und zu den Heiden zu tragen, darum hatte er auch die Gabe empfangen, den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche, allen alles zu ſein zum Dienſte in dem Namen deſſen in dem geſegnet werden ſollen alle Völker der Erde. Aehnlich verhält es ſich mit dem deutſchen Volke, dem auch hierin St. Paulus und ſeine Nachfolger, Auguſtinus, Bonifacius, Luther voranleuchten. Weil es durch die Gnade Gottes berufen iſt, ein chriſtliches Volk zu ſein, und von ihm zu zeugen, dem Aufgang aus der Höhe, darum weil das ewige Licht ſeinen hellen Himmelsſchein auch in unſern Wäldern hat leuchten laßen, daß wir des Lichtes Kinder würden und andere Völker hinzubrächten zu Seinem heiligen Tempel: darum allein iſt ihm auch die lichtvolle Gabe zu Teil geworden, zu ſehen, was in den fremdem Herzen iſt, um dann auch dieſen Herzen zu dienen und zu ihnen reden zu können von dem, der allein ein neues Herz gibt und einen neuen gewiſſen Geiſt. Wo daher jene gerühmte Univerſalität des Geiſtes von dieſem tieferen Lebensgrunde getrennt wird, wo das Volk von dem hohen, herlichen Berufe, Träger des Evangeliums zu ſein abfällt und von Chriſto, dem Herzoge ſeiner Seligkeit nichs mehr wißen will: da verkehrt ſich die edle Fähigkeit, ſich ſelbſt zu vergeßen und der freiden Nation ſich hinzugeben, unabwend⸗ bar in ihr Gegenteil, und wird dem Fremden gegenüber zum ſchmachvollen, ehrloſen Verleugnen der Heimat⸗ und der Mutterſprache, die uns angeboren iſt, ja nicht ſelten zu verächtlicher Charakterloſigkeit, zu Servilität und Niederträchtigkeit; oder es erwächſt aus dem univerſalen Bewußtſein in ſeiner Ent⸗ artung der Unkrautſame widerwärtigen Dünkels und entehrender ochlokratiſcher Gelüſte und Umtriebe. Es gilt auch hier: je höher die Gabe, deſto größer der Schade, wenn wir ſie von uns werfen, wie wir dieß ſo deutlich am Volke des alten Bundes, als an einem ſtändigen Vorbilde ſehen: ihm waren die höchſten Güter anvertraut, das heilige Geſetz des lebendigen Gottes, der Gnadenbund und die Verheißung; aus ihm ſollte kommen nach ſeiner menſchlichen Natur der Herr, der unſere Gerechtigkeit iſt. Darum aber, wenn ſie von dieſer höheren Stufe, auf die ſie Gott geſtellt, willkürlich herabſanken und ſich den Heiden