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das geiſtliche Sehen gewonnen werden. Aber wir ſollen uns doch auch andererſeits wieder vor einer jeden Ueberſchätzung hüten und keinen Augenblick das vergeßen, was wir gleich zu Anfang beſonders be⸗ tonten: zum geiſtlichen Sehen ſind erleuchtete, vom Geiſte Gottes erleuchtete Augen nötig. Haben wir doch eine vollgültige Analogie daſfür auf dem weltlichen Gebiete der Kunſt, beſonders der Malerei. Das bloße Anſehen eines Gemäldes thuts noch nicht; es bedarf auch hier einer gewiſſen Erſchließung des Sinnes und des Verſtändniſſes,— wie viele ſtehen vor den Meiſterwerken eines Leonardo da Vinci, Michel Angelo und Raphael mit offenen Augen und ſehen doch nichts, weil das Auge ihres Geiſtes für die verborgene Schönheit noch nicht geöffnet iſt. In wie viel höherem Grade aber gilt dieß für den geiſtlichen Geſichtsſinn. Erſt müßen wir uns unter Gottes gewaltige Hand in wahrer Demut beugen, Sein ewiges Wort der Warheit und des Lebens mit heilsbegierigem Herzen hören, und, wie Maria aus Bethanien that, uns zu des Herrn Füßen ſetzen und von Ihm erleuchten laßen, unter dem herzlichen Gebet: gib mir o Herr, ein reines Herz und einen neuen gewiſſen Geiſt: ſonſt führen alle die erwähnten Vor⸗ bereitungen und Uebungen doch nicht zum erwünſchten Ziel. Wenn aber das Auge hell gemacht iſt durch das Wort des lebendigen Gottes und Sein Licht, wenn du den Weg der Heiligung betreten und auf ihm im Lichte des Sohnes Gottes wandelſt: dann verbreiten ſich nun auch von dieſem Centralpunkte die Stralen nach allen Seiten hin und machen immer hellere Bahn. Das innere Auge für die Wunderthaten Gottes und ſeiner heiligen Zeugen erſchließt ſich dieſem höheren Licht immer mehr, alſo daß du ein Auge dafür bekommſt, den Männern Gottes ins Aungeſicht zu ſehen, als ſtänden ſie vor dir; zu ſehen den Ausdruck freudigen Gehorſams im Antlitz Abrahams, als der Herr zu ihm ſprach: gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundſchaft in ein Land, das ich dir zeigen will; ſein glaubensvolles Aufſchauen, als ihm die Verheißung gegeben ward: ſiehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannſt du ſie zählen? alſo ſoll dein Same ſein; ja auch die heldenmütige Ergebung, als zu ſeiner ſchwerſten Prüfung das Wort an ihn ergieng: nimm deinen einigen Sohn, den du lieb haſt und opfere ihn. Und von dem feſten Blick auf dieſes Angeſicht gewinnt das Geiſtesauge neue Reinheit und Schärfe, Klarheit und Stärke, daß es auch weiter ſehen kann den Glanz auf Moſis Angeſicht, als er das Wort der barmherzigen Liebe unſeres ge⸗ treuen Gottes ſeinem Volke verkündigte:„ihr habt geſehen, wie ich euch getragen habe auf Adlers Flügeln und habe euch zu mir gebracht; werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, ſo ſollt ihr mein Eigentum ſein vor allen Völkern; denn die ganze Erde iſt mein und ſollt mir ein prieſter⸗ liches Königreich und ein heiliges Volk ſein.“ Und ſo gehts von einem Angeſicht zum andern, von Joſuas Heldenangeſicht, als er in der Verſammlung ſeines Volkes feſten und freudigen Geiſtes bekennt:„ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ bis auf Davids reuevolles Antlitz, als Nathans zerſchmetterndes Wort:„du biſt der Mann“ ſeine Seele erbeben machte und auf den Frieden in ſeinem Auge, als der heiße Kampf nach ſchwerem Ringen zum endlichen Siege durchgekämpft war. Und von da wieder durch die Reihen der Propheten bis das Auge ruhen darf auf dem dornengekrönten Haupt voll Blut und Wunden, dem Schmerzensantlitz des Gekreuzigten, ruhen in ſeliger Freude auf dem verklärten Antlitz des Auf⸗ erſtandenen, ja des erhöhten Menſchenſohnes, der da kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten.


