Druckschrift 
2 (1871)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

und Gnade, Vergebung der Sünde und ewiges Leben; oder an die beſonderen Führungen des Volkes Gottes im alten Bund und die immer enger werdenden Kreiße der Verkündigung des Heilands der Welt; oder an die mannigfaltigen kirchlichen Geſtaltungen, die Geiſteskämpfe und ſiegreichen Errungenſchaften der Kirche in ihrem allmählichen Aufbau von dem feſten und breiten Fundament bis zu der immer höher ſich erhebenden Spitze hinauf, oder auf das dreifache, in ſeinem Unterſchied und ſeiner Einheit lebendig fortwirkende Amt des Erlöſers, oder endlich auf den Reichtum des chriſtlichen Lebens in der Fülle ſeiner Verzweigungen: und es wird nicht zu beſtreiten ſein, daß zum geiſtlichen Sehen auch ein ſcharfes Auge erforderlich iſt. Wer aber ohne dieſe, im rechten Sinne des Wortes ſo zu nennende geiſtliche Kritik iſt und ohne ſie ſein will, wer immer mehr in pſeudohumaniſtiſchen, alles durcheinander mengenden Synkre⸗ tismus verfällt, im Böſen am Ende nur die notwendige Kehrſeite oder den Schatten des Guten ſieht, in der Geſchichte der Thaten Gottes auf Erden nur irdiſche Bewegung, Irrtum und Warheit unterſchiedslos untereinander gemiſcht, der trägt warhaftig nichts zur Stärkung und Uebung des geiſtlichen Geſichtsſinnes bei, ſondern zerſtört ihn vielmehr, ſo viel an ihm iſt, in ſich und anderen.

Endlich aber noch eins. Das Auge ſoll nicht nur rein und ſcharf, es ſoll auch ruhig und feſt ſein, d. h. es ſoll die Fähigkeit beſitzen, ſich ungeteilt und unverrückt auf den geoffenbarten Ratſchluß Gottes und die vollſtändige Ausführung deſſelben vom Anfang bis ans Ende der Tage zu richten. Einen ſolchen feſten und ruhigen, ſichern und nichts überſehenden Blick wird ſich aber der gewis nicht zu eigen machen, deſſen Auge in unſtäter Flucht von einem Gegenſtand zum andern eilt, alſo, daß in raſcher Folge ein Bild das andere wieder verdrängt und verwiſcht; auch der nicht, der vieles auf einmal überfliegt, was nacheinander und ſorgfältig betrachtet ſein will; auch der nicht, der nur eine Seite des Gegenſtandes auſieht, und die anderen ganz unbeleuchtet läßt und überall nur Einzelheiten gewahr wird, ohne jemals den Zuſammenhang der Dinge zu erkennen; auch der nicht, der nur das allernächſte zu ſehen ſich bemüht und nie mit ſeinem Auge in die Ferne dringt. Das alles bringt kein feſtes, ſicheres, vollſtändiges, ſondern im Gegenteil vielmehr oberflächliches und unſicheres, einſeitiges und beſchränktes Sehen hervor.

Wodurch aber wird denn nun ſo fragen wir weiter der geiſtlichen Blindheit und Kurz⸗ ſichtigkeit, dem Stumpfſinn und der Oberflächlichkeit am beſten gewehrt? wodurch erlangt man ein reines und keuſches, wodurch ein ſcharfes und wodurch ein ruhiges und feſtes Auge? Wol iſt es wahr, es kann wie ſich aus der bisherigen Darſtellung ſchon von ſelbſt ergibt es kann vieles im Unterricht und der Erziehung darauf einwirken. Ja, alles, was zur Weckung und Stärkung des geiſtigen Auges auf der Schule und im Hauſe geſchieht, kann mit dazu dienen, den geiſt⸗ lichen Geſichtsſinn zu üben und zu pflegen, von der einfachen oder mannigfacheren Beſchreibung an, zu der im deutſchen oder im naturgeſchichtlichen und geographiſchen Unterricht ſich ſo reichliche Gelegenheit bietet, bis zu der möglichſt klaren und feſten, allſeitigen und vollſtändigen Auffaßung des Gedankengangs in den Schriftſtellern, die auf Schulen geleſen werden; oder von dem ſtrengen und genauen Sehen, das die Mathematik verlangt bis zu jedem richtigen Rückblick und Vorblick, zu dem der Geſchichtsunterricht ſo vielfach uns nötigt, von dem ſinnigen Betrachten der bibliſchen Bilder bis zum ſtaunenden Aufblick zu den herlichen Denkmälern der chriſtlichen Kunſt, überall, auf allen Stufen ſoll auch eine Frucht für