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2 (1871)
Entstehung
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Welt, als auch das Wort des lebendigen Gottes den Weg zu unſeren Seelen nimmt. Auf der einen Seite die Stimme der Verführung und Lüge durch das Ohr und das Bild der ſchön anzuſehenden Frucht durch das Auge; auf der anderen Seite auch das rettende heilende Wort des Lebens durch das Ohr und das lebendige Bild des Gekreuzigten und Auferſtandenen durch das Auge. Ja, es kommt alles darauf an, daß wir ſehen, daß wir recht ſehen können. Wie die ganze uns umgebende Schöpfung in undurchdring⸗ liches Dunkel für uns gehüllt iſt, wenn wir blind ſind, alſo, daß wir von ihrer Schönheit und Herrlichkeit nichts vernehmen, nicht der Sonne Glanz und der Farben Pracht, nicht der Bäume Grün und der Blumen liebliche Schönheit, ach! auch nicht der treuen Mutter Auge, nicht der Geſchwiſter und Geliebten liebes Antlitz gerade ſo iſt es auch auf dem Gebiete des Geiſtes. Oder wie in der Sinnenwelt alles vor unſeren Blicken verſchwimmt, und trübe und nebelhaft erſcheint, wenn unſer Auge ſchwach iſt und krank: wird es in der geiſtigen Welt bei gleicher Krankheit mit unſerem Sehen nicht ebenſo ſein? Wor⸗ nach bemeßen wir anders die geiſtige Befähigung eines Menſchen als darnach, ob einer einen hellen Blick, ein ſcharfes Auge habe, ob er in die Tiefen zu ſehen und die Dinge in ihrer rechten, wahren Geſtalt klar zu erkennen vermöge. Und auf dem höchſten geiſtigen Lebensgebiete, da wo es ſich um das Erkennen des Aufgangs aus der Höhe und Seiner Herlichkeit handelt, gilt dieſer Maßſtab in noch höherem Grade, ſowol für das Volk, das Träger der Verheißung iſt, als für den Einzelnen, den Pilgrim auf dem Wege nach der ewigen Gottesſtadt auf den Bergen, von denen unſere Hülfe kommt. So lange Israel in wahrer Sehnſucht, mit hellen Glaubensaugen nach dem gelobten Lande blickt, wie hernachmals die Weiſen aus dem Morgenlande nach dem Stern, deſſen Glanz aufgieng über dem neugeborenen König, ſo lange iſt ihr Geiſt friſch und ihr Mut ungebrochen und ſtark; wo ſie aber ihre Augen von dem Lande der Ver⸗ heißung weg zu dem Wolleben der Welt, zu den Fleiſchtöpfen Aegyptens wenden, ſinken ſie in Schwäche und Verzagtheit zurück. Ueberhaupt, wo ſie auf ihrem langen Wege des Harrens, ehe die Morgenröte anbrach, unverrückt auf die Zukunft ihres ewigen Königs und Herrn ſahen, da nahm auch immer ihr geiſtiges Leben einen neuen Aufſchwung, daß ſie ſiegreich ihre Feinde überwinden und Stand halten konnten inmitten der Todesgefahren; aber wo ſie umgekehrt auf die goldnen Götzenbilder blickten und nach den Licht⸗ punkten ihrer Beſtimmung zu ſehen zu träg und zu ſtumpf waren, da wich der gute Geiſt von ihnen, daß ſie am Boden krochen und ihren Nacken unter das harte Joch ihrer Bedränger beugen mußten. Und was von dem Volke des alten Bundes gilt, das gilt wenngleich unter ganz anderen äußeren geſchichtlichen Verhältniſſen, im Weſentlichen auch von unſerem Volke, als dem vornehmſten Träger des Evangeliums; auch bei ihm hängt der Höheſtand ſeines ethiſchen Lebens, ebenſo wie der Verfall und die Geſunkenheit deſſelben mit der Fähigkeit des geiſtlichen Sehens, mit der Geſundheit oder Krankheit des geiſtlichen Ge⸗ ſichtsſinnes auf das innigſte und unzertrennlichſte zuſammen. Daher hat denn auch die Schule, der ja vornehmlich die Pflege dieſes höheren ethiſchen Lebens ihrer Jünger anvertraut iſt, ohne allen Zweifel auch die Aufgabe, dieſen geiſtlichen Geſichtsſinn, ſoviel an ihr iſt, zu bilden und zu ſtärken.

In wie weit ſie dazu die Kraft hat und worin die Uebung dieſes geiſtlichen Geſichts⸗ ſinnes von Seiten der Gelehrtenſchule beſteht, das möge in dieſer Abſchiedsſtunde mit einigen wenigen Zügen dargelegt werden. Ihr, die Ihr jetzt im Begriff ſeid, dieſer Anſtalt auf immer Lebewol zu ſagen,

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