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und die Jünglinge fallen; aber die auf den Herrn harren, bekommen neue Kraft, daß ſie auf⸗ fahren können mit Flügeln wie Adler, daß ſie laufen und nicht matt werden, daß ſie wandeln und nicht müde werden.
II.
Vom geiſtlichen Geſichtsſinn.
Es iſt in dieſen Tagen gerade ein Decennium verfloßen, ſeit ich von dieſer Stätte aus zu den vier Abiturienten, die damals von dieſer Anſtalt Abſchied nahmen, über ein Thema reden durfte, deſſen hohe Bedeutung gleich bei dem erſten Ausſprechen deſſelben unverkennbar hervortreten mußte; es war dieſelbe Rede, die in dem dießmaligen Oſterprogramm an zweiter Stelle mitgeteilt iſt: vom geiſtlichen Gehörſinn und deſſen Uebung. Was iſt ſeitdem in dem kurzen Zeitraum weniger Jahre an uns vorüber⸗ gegangen! wie hat der lebendige Gott auf mannigfache Weiſe, durch ſein Wort, durch die weltgeſchicht⸗ lichen Thaten Seiner Gerechtigkeit und Seiner Gerichte, und durch die Lebensführungen im Einzelnen mächtig zu uns geredet! Haben wir auf Seine Stimme gehört? oder ſind unſere Ohren taub und zu hart geworden, des Allmächtigen Rede zu vernehmen? Ich fürchte, die Klage iſt im Allgemeinen nur zu begründet, daß tauſend und aber tauſend in der Chriſtenheit dahin gehen, ohne auf das Wort der Warheit zu hören, anch heute noch von dem vorurteilenden Worte des Herrn getroffen: mit hörenden Ohren hören ſie nicht; hören nicht, daß— und noch viel weniger, was Gott zu ihnen redet. Hören nicht— und ſehen auch nicht;— denn beides pflegt auf dem Gebiete des Geiſtes eng mit einander verbunden zu ſein, wie denn auch in der Offenbarung beides immer neben einander ſteht. Wenn die heilige Schrift von dem unbußfertigen Sinn redet, ſo heißt es nicht nur: mit hörenden Ohren hören ſie nicht, ſondern auch: mit ſehenden Augen ſehen ſie nicht, und„die da Augen haben und ſehen nicht, die Ohren haben und hören nicht“. Oder, wenn ſie die geiſtigen gleichgültigen und harten Herzen auf die Thaten Gottes hin⸗ weiſt, mahnt ſie: höret, ihr Tauben und ſehet ihr Blinden; oder auch, wenn der Prophet. im heiligen Geiſt voll feſter Zuverſicht auf die Zukunft des Herrn blickt, ruft er freudig aus: alsdann werden der Blinden Augen aufgethan und taube Ohren werden geöffnet werden. Oder wenn der Herr ſelbſt in den Tagen Seiner Erſcheinung auf Erden zu ſeinen Apoſteln und Jüngern preiſend redet: ſelig ſind eure Augen, daß ſie ſehen und eure Ohren, daß ſie hören. Oder endlich, wenn der Apoſtel von der verbor⸗ genen Weisheit Gottes redet und der Offenbarung deſſen, das kein Auge geſehen und kein Ohr gehört hat. Sind doch in der That beide, Auge und Ohr, die Pforten, durch welche ſowol die Weisheit dieſer


