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Chriſtus, dem Gekreuzigten und Auferſtandenen, und wirkliche Glaubenserfahrung ſich finden. Wahre Willensenergie ſchlägt ihre Wurzeln da, wo wir uns nicht auf unſere beliebigen Anſichten und Gedanken, nicht auf alle möglichen, zufälligen Zweckmäßigkeitsrückſichten, überhaupt nicht auf uns ſelbſt geſtellt fühlen, ſondern wo das ſtarke, felſenfeſte Bewußtſein uns regiert, daß wir einen Beruf oder ein Amt haben, das von einer höheren Hand uns auferlegt iſt und nun auch den Auftrag, der uns zu Teil geworden, im Namen deſſen ausrichten ſollen, der ihn gegeben hat.
Es iſt leicht einzuſehen, der Mangel an dieſer rechten Willensenergie iſt noch weit bedenklicher, als der zuerſt erwähnte Mangel an Energie des Denkens. Ach, daß du kalt oder warm wäreſt, ruft der treue und warhaftige Zeuge der Gemeinde zu Laodicea zu; weil du aber lau biſt und weder kalt noch warm, werde ich dich ausſpeien aus meinem Munde. Wo es an Energie des rechten Denkens gebricht, da wird zwar auch gar viel geſchadet: angefangene und wieder liegen gelaßene Gedanken, nur halb gedachte und nicht bis zum Abſchluß durchgeführte Behauptungen ſind nicht nur eine unerquickliche Er⸗ ſcheinung, ſondern haben von jeher durch Verwirrung der Anſchauungen, Irreleitung des Urteils und Beförderung der Oberflächlichkeit Unheil genug angeſtiftet. Aber ſo ſchlimme Früchte, als die Halbheit und Unentſchiedenheit des Willens pflegt doch die Energieloſigkeit des Denkens im Ganzen nicht zu bringen. Der Willensſchwäche kränklich Weſen iſt in der Regel von einem ſehr traurigen Gefolge begleitet. Indifferentismus und Charakterloſigkeit, Geringſchätzung göttlichen und menſchlichen Rechts, Gleichgültigkeit gegen die geſunden Ordnungen des Volkslebens wie gegen der eigenen Seele Heil; den Kräften der Zer⸗ ſtörung weder erfolgreich wehren, noch mit den rechten Waffen zum friſchen Angriff ſchreiten; allen böſen Gelüſten im Innern, wie den Verführungsſtimmen von außen widerſtandslos ſich preisgeben und das allen guten Samen erſtickende Unkraut ungehindert fortwuchern laßen; in krankhafter Verweichlichung vor der, dem Menſchen doch ſo unentbehrlichen und ſo heilſamen Zucht an ſich und an andern zurückbeben und zuletzt in völlige geiſtige Ohnmacht verſinken,— das ſind einige der bleichen Geſtalten, die da auf⸗ zutreten pflegen, wo es an der rechten Energie des Willens fehlt.
Energie des Denkens und Energie des Willens, beide vereint, es ſind in der That Gaben von unſchätzbarem Werte. Aber es erringt ſie Niemand, der nicht unabläßig wider ihre gemeinſamen Feinde kämpft, gegen die Arbeitsſcheu und Verweichlichung, gegen Zerſtreutheit und Leichtſinn, gegen Fahrläßigkeit und unordentliches Weſen und wie ſie alle heißen dieſe aus dem Fleiſch hervorwachſenden, jedes geſunde Leben hemmenden oder gar zerſtörenden Unkrautspflanzen. Beſonders aber iſt es in unſerer Zeit die in höchſt bedenklicher Weiſe überhand nehmende, ſchon die Kinderwelt anſteckende Genußſucht, die wenn ihr nicht bei Zeiten nachdrücklich gewehrt wird, unfehlbar jeder wahren Energie des Geiſtes den Untergang bereitet. Wo das Sinnen und Trachten des Menſchen auf nichts anderes als auf Vergnügen, auf Be⸗ friedigung der Sinnenluſt gerichtet iſt, da tritt allmählich mit unausbleiblicher Notwendigkeit nicht nur eine Erſchlaffung der Willensſtärke, ſondern auch des Denkvermögens ein. Lehrt es doch die tägliche Er⸗ fahrung, wie verderbliche Folgen in dieſer Beziehung— um unter den vielfachen Aeußerungen des Genuß⸗ lebens nur eine zu erwähnen— für viele tauſende das leidige Wirtshausleben hat. Oder ſind nicht Müdigkeit der Seele und Trägheit des Geiſtes, Unluſt zu jeder ernſteren geiſtigen Thätigkeit und innerer


