Druckschrift 
2 (1871)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

. 5

wird vielmehr dadurch, wenn keine Umwandlung eintritt, unfehlbar jeder wahre, geſunde Lebenskeim vollends zerſtört; das Reſultat dieſes Denkens, wenn ſich die Seele ausſchließlich oder nur haupt⸗ ſächlich in ihm bewegt, wird im Weſentlichen kein anderes ſein können, als was Voltaire, nach dem Zeugnis ſeines Arztes Tronchin, im Angeſicht des Todes mit ebenſo beſtimmtem, als troſtloſem Bewußtſein von ſich bekannt hat:ich habe mich mit Rauch berauſcht, der mir den Kopf drehend gemacht hat; ich habe nichts, als Rauch verſchluckt. Es kommt alſo auch bei der Energie des Denkens weſentlich auf den Inhalt deſſelben an; darauf, daß wir aus der Warheit, die von Gott iſt, heraus denken und in ihrer Bahn uns bewegen; darauf, daß unſere Gedanken nicht Gedanken des Umreißens oder Zerſtörens, ſondern des Bauens und Erhaltens ſind.

Allein entſchieden ſchärfer tritt uns doch, wie geſagt, der erwähnte Gegenſatz zwiſchen wahrer und falſcher Energie auf dem Gebiete des Willens entgegen. Energiſchen Willen kann man in gewiſſer Beziehung auch einem Catilina und Nero oder einem Marat und Robespierre nicht abſprechen; aber welch ein Unterſchied iſt zwiſchen dieſer dämoniſchen Energie der Revolution und der Energie eines Samuel, des letzten Richters in Israel und eines Elias, des Propheten der That, oder der andern Männer Gottes, der Apoſtel und Märtyrer, eines Bonifacius und Luther. Dort bei den Feinden gött⸗ licher und menſchlicher Ordnung offenbart ſich der energiſche Wille in der vollen Hingabe an die Kräfte der Lüge und des Haßes, an die verzehrende Glut der Zerſtörungs⸗ und Verderbensluſt, hier bei den gottberufenen Trägern und Verkündigern des Heils der Welt, bei den Bekennern und Zeugen der War⸗ heit zeigt ſich die Willensenergie in dem heiligen Eifer für das Wort Gottes und die Auferbauung Seines Reiches, in dem heldenmütigen Ringen nach den höchſten Gütern, nach den unvergänglichen Schätzen und der Krone des Lebens. Dort tritt die Energie des Willens bald als trotzige und hartnäckige, kalte und bittre Feindſchaft wider das Evangelium hervor, von den erſten Chriſtenverfolgungen bis auf die heim⸗ lichen und offenen Angriffe unſerer Tage, bald als wahnſinniger Fanatismus und tolle Zerſtörungswut, wie ſie die aufrühreriſchen Bauern im Reformations⸗ oder die Königsmörder in Frankreich im Revolutions⸗ zeitalter bewieſen; bald als ſtarrer Trotz und Hohn wider Chriſti Reich auf Erden, wie in Julians des Abtrünnigen Seele und in allen, die im Lauf der Jahrhunderte bis auf unſere Zeit in ſeinen Fußſtapfen gehen. Hier, auf der anderen, entgegengeſetzten Seite wird die Willensenergie von dem lebendigen Glauben, von dem Feuer des heiligen Geiſtes, mit einem Wort von dem demütigen Bewußtſein getragen, Gott dem Herrn und der Ehre Seines heiligen Namens zu dienen. Denn das iſt ohne Zweifel das Hauptunterſcheidungszeichen der falſchen und der wahren Willensenergie, daß jene ihre Wurzeln in der Sünde, in der Selbſtgerechtigkeit und dem Trotz des natürlichen Menſchenherzens, dieſe in der Gnade, in dem vollen Gehorſam unter Gottes Wort und in der rechten Demut hat. Die verborgenen Trieb⸗ federn der falſchen Energie liegen in den dunkeln Schatten der Selbſtſucht, in der Fleiſchesluſt, der Augenluſt und der Hoffart; die Quellen der wahren dagegen, wenn auch(wie wir gern einräumen wollen) im weiteren Verlaufe noch vielfach von Eigenwilligkeit und menſchlichem Eifer getrübt, entſpringen da, wo ernſte Scheu vor Gottes heiligem Geſetz und demütige Unterwerfung unter Seinen allmächtigen Willen, wo vor allem Trachten nach dem Reiche Gottes und ſeiner Gerechtigkeit, wo freudiges Bekenntnis zu