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Es wird dieß freilich nur dann geſchehen, wenn mit der Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens zugleich die Energie des Willens verbunden iſt. Der Wille iſt das eigentliche Centrum der menſchlichen Perſönlichkeit. Wo der Wille des Menſchen ſchlaff, lau, unentſchieden, kraftlos iſt, da wird auch weder Energie des Denkens, noch des Handelns zu finden ſein: im energiſchen Willen liegt die Triebkraft zu beidem. Energie des Willens aber werden wir(noch ganz abgeſehen von dem Inhalt deſſelben) ohne Zweifel dem zuſchreiben, der, wenn er ſich einmal die Erreichung eines Zieles vorgeſetzt hat, nun auch nicht allein dieſes Ziel mit aller Kraft ſeiner Seele unabläßig im Auge behält, ſondern auch mit gleich feſter Entſchloßenheit alles daran ſetzt, dieß Ziel auch wirklich zu erreichen,— der vor unerwarteten Schwierigkeiten, die ihm begegnen, nicht gleich zurückbebt oder wie gelähmt die Flügel ſinken läßt, ſondern im Gegenteil die ihm in den Weg tretenden Hinderniſſe mit aller Kraft zu überwinden ſucht;— der weder durch die Ausſicht auf drohende Gefahren oder ſicher zu erwartende Unannehmlichkeiten, noch andererſeits durch verlockende Vorſpiegelungen und Anerbietungen, durch der Leute Gerede und falſcher, Freunde Rat bewogen wird von dem einmal eingeſchlagenen Wege wieder abzugehen. Energiſchen Willen werden wir ſodann auch dem zuerkennen müßen, der nicht heute das, morgen wieder etwas anderes, vielleicht gerade das Gegenteil will, ſondern einmal wie das andere mal ſich gleich bleibt; der nicht von Worten überfließt, die ſeinen Willen bezeugen ſollen:„ich will, ich will, wir wollen, wir wollen“, aber. wenn es zur Ausführung kommen ſoll, ſei es aus Menſchenfurcht oder aus Weichlichkeit oder aus Klug⸗ heitsrückſichten raſch, wie der Wind umſchlägt, alſo daß von dem vielgerühmten Willen nicht die Spur mehr zu bemerken iſt, ſondern durch dieß alles unbeirrt dann auch durch die That beweiſt, daß ſeine Worte mehr als leerer Schall geweſen. Indeſſen— wir müßen es geſtehen— alle dieſe eben gegebenen Definitionsverſuche leiden doch noch an einer großen Unbeſtimmtheit, Zweideutigkeit und Farbloſigkeit; hier iſt vor allem nötig, wenn wir uns nicht in unſichern, unfaßbaren Abſtractionen bewegen wollen, daß wir auf den Inhalt des Willens achten, damit wir nicht Eigenſinn und Trotz, Halsſtarrigkeit und Hart⸗ näckigkeit für Energie ausgeben, ſondern uns vielmehr des Unterſchieds zwiſchen der wahren und falſchen Willensenergie möglichſt klar bewußt werden.
Derſelbe Unterſchied tritt allerdings auch auf dem zuerſt erwähnten Gebiet der Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens hervor. Es gibt auch ſchon da eine Pſeudo⸗Energie, die ich gerade in dieſem Augenblicke, denen gegenüber, die zur Univerſität überzugehen bereit ſind, gewis nicht unberück⸗ ſichtigt laßen darf. Es iſt, um es kurz zu ſagen, die Energie der falſchen Wißenſchaft, die Energie des Skepticismus oder beßer die Energie des Geiſtes, der ſtets verneint, die von der wahren Energie des Denkens himmelweit verſchieden iſt. Formell energiſch kann auch wol der denken, der ſich in lauter Ne⸗ gationen bewegt, der in ſeiner Gedankenarbeit beharrlich darauf gerichtet iſt, die Fundamente der ewigen Warheit zu untergraben und durch eine nie ruhende, alles in ſeinem thatſächlichen Beſtand angreifende, alles bezweifelnde und alles zerſetzende Kritik am Ende bei der völligen Verzweiflung an aller Warheit anzulangen pflegt. Daß aber eine ſolche Energie des Denkens eine Pſeudoenergie iſt, können wir mit Sicherheit vornehmlich daraus erkennen, was ſie in dem alſo denkenden ſelbſt wirkt. An geiſtigem Lebens⸗ inhalt ſetzt nämlich dieß negative Denken nicht nur nichts in der Seele des Denkenden ab, ſondern es


