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reicherer Faßung vom Gebiet des Handelns auch auf die Gebiete des Denkens und Wollens übertragen. An Plato und Ariſtoteles, Descartes und Leibnitz, Hegel und Schelling bewundern wir nicht allein den Scharfſinn ihres Verſtandes, ſondern auch die Energie ihres Denkens, mit der das einmal erwälte Grundprincip feſtgehalten und überall durchgeführt wird, bis es zu ſeiner vollſtändigen Ausprägung gelangt. Daß die Seele von dem einen Grundgedanken nicht losläßt, ſondern mit aller Anſtrengung des Geiſtes auf ihm weiter baut und nicht eher ruht, bis nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten der ſtolze Bau des Gedankenſyſtems daſteht— darin zeigt ſich die Energie des Denkens. Oder wo die geiſtige Thätig⸗ keit auf ein beſtimmtes Ziel gerichtet iſt, und der Erreichung deſſelben mit ſtetiger Gedankenbewegung zuſtrebt, ſei es um auf den gewonnenen Grundlagen ein neues wißenſchaftliches oder auch techniſches Reſultat zu gewinnen, auch da offenbart ſich die Energie des Geiſtes eben darin, daß das Denken feſten Schrittes und unabläßig ſich fortbewegt, nichts liegen läßt und von Stufe zu Stufe ſich kräftig durchringt. Aehnlich iſt es auf dem Gebiete der Naturforſchung, wie der Geſchichtsforſchung: auch hier rühmen wir an den hervorragenden Geiſtern nicht allein den Sammelfleiß, die Genauigkeit der Beobachtung, die Sorgfalt und glückliche Combination, ſondern vornehmlich auch die geiſtige Energie, mit der dieſe forſchenden Geiſter in die Tiefe dringen und die Berge von Hinderniſſen ebnen, die ſich oft vor ihnen aufthürmen.
Dieſe Energie des Denkens und geiſtigen Arbeitens hat zwar allerdings ihre natürlichen Be⸗ dingungen,— ohne geiſtige Begabung wird es zu einer ſolchen Energie des Denkens ſchwerlich kommen können; aber ſie läßt ſich doch auch üben. Es gibt nicht eine einzige Gymnaſialdisciplin, die nicht an ihrem Teil auch dazu beitragen könnte, dieſe Energie zu wecken, zu pflegen und zu fördern— von dem Vo⸗ cabellernen, den Exercitien und kleinen Aufſätzchen des Sextaners bis zu dem Ueberſetzen der griechiſchen und römiſchen Claſſiker und den lateiniſchen oder deutſchen Ausarbeitungen des Primaners, von den erſten Elementen der Sprachkunde und Mathematik bis zum Syſtem der Syntax und den höheren Operationen der Arithmetik und Geometrie, auf allen Stufen des Unterrichts wird von wirklich fleißigen Schülern an den Verſuchen, den Lernſtoff geiſtig zu bewältigen und ſich die nötigen Kenntniſſe in allmählichem, aber feſtem Fortſchritt anzueignen, zugleich die eben geſchilderte Energie des Denkens, wenn auch natürlich erſt in ihren Anfängen hinlänglich geübt und geſtärkt. Wo dieß nicht geſchieht, da iſt auch kein rechter Fleiß vorhanden und da fehlt es auch begreiflicher Weiſe an irgend befriedigenden Leiſtungen.
In noch viel höherem Grade aber iſt dieſe Energie des Denkens für die über die Grenzen des Gymnaſiums hinausliegenden akademiſchen Studien erforderlich. Hier handelt es ſich ja vornehmlich um warhaft wißenſchaftliche Erkenntnis, um das Verſtändnis des inneren Zuſammenhangs der Disciplinen, die das Ganze einer Wißenſchaft ausmachen, um ein tieferes Eindringen in die einzelnen Erſcheinungen und Thatſachen, wie in die Gründe und Wirkungen derſelben, um ein gediegenes und umfangreiches Wißen. Dieß alles aber läßt ſich ohne eine angeſtrengte, kräftig wirkſame geiſtige Thätigkeit, alſo ohne Energie des Geiſtes warhaftig nicht erreichen. Mit Denkfaulheit und geiſtiger Schlaffheit, mit mechaniſchem Auswendiglernen und oberflächlicher Pfuſcherarbeit wird man auf dieſem Gebiet nicht weit kommen. Da heißt es ſeinen Geiſt anſtrengen und nicht nachlaßen, ernſtlich aufmerken und bei dem einen Gegenſtand, um deſſen Ver⸗
ſtändnis wir ringen, anhaltend verbleiben, bis ein gewiſſes Ziel erreicht iſt. 1*


