Druckschrift 
2 (1871)
Entstehung
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2 überwinden ließen, immer tiefer ſanken, da zogen auf Gottes Ruf die Völkerſchaaren aus dem fernen Norden und Oſten heran, um die morſchgewordenen Säulen der alten Roma umzuſtürzen und der Bildung neuer Lebensformen Bahn zu machen. Oder endlich wie mancher Stamm, wie manches Regentenhaus, wie manches Geſchlecht iſt hinweggethan aus der Reihe der Lebendigen auf Erden, wenn Stamm und Haus und Geſchlecht das Maß der Sünde erfüllt hatten; eine Thatſache, deren erſchütternde Warheit uns nicht allein aus Griechenlands großen Tragödiendichtungen, wie unter andern aus Sophokles gewaltigem Chorlied in der Antigone Eo⁶⁴αιονεν olαα᷑ν dyενοτοs ælov, ſondern auch aus vielen andern Zeugniſſen der Geſchichte entgegentritt.

Und dennoch bleibt es dabei: trotz dieſer zeitweiſen, durch Gottes Hand herbeigeführten Unter⸗ brechungen im ungehemmten Aufwachſen des Böſen, ſteht doch andererſeits die Thatſache eben ſo feſt, daß im Entwickelungsgang der Menſchheit das Böſe wie das Gute ſeiner vollen Reife entgegengeht. Ja, das eben erwähnte Einſchreiten der göttlichen Gerechtigkeit iſt doch im Grunde nichts anderes, als eine einzelne Vorernte, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, die der ſchließlichen Entſcheidung gewiſſermaßen nur zum Vorbild dient; wie dieß im Grunde ſchon daraus unwiderſprechlich hervorgeht, daß nach ſolchem richtenden und ſtrafenden Einſchreiten des lebendigen Gottes nicht etwa die ſündliche Entwickelung über⸗ haupt ganz aufhört, ſondern im Gegenteil nach der Zerſtörung des alten, innerlich aufgelösten Lebens auf der dadurch neu bereiteten Stätte neben dem guten Samen doch auch der Unkrautsſamen immer wieder von Neuem emporwächſt.

Fragen wir nach dem Grund dieſer Erſcheinung, ſo werden wir bei genauerer Beobachtung die Antwort zu erteilen haben: es kommt daher, weil auch dem Böſen eine gewiſſe Energie, ein(um es kurz zu ſagen) dämoniſches Beſtreben beiwohnt, alle in ihm liegenden Konſequenzen bis auf die letzte auszuwirken. Indeſſen ſoll es dießmal unſere Aufgabe nicht ſein, dieſer Thatſache der Energie des Böſen weiter nachzugehen; uns liegt es vielmehr in dieſem Augenblicke näher, Natur und Weſen der wahren Energie zu erkennen und uns daran zu erinnern, daß wir durch ſie, durch die göttliche Energie, die falſche Energie bekämpfen und überwinden ſollen; eine Forderung, die um ſo ernſter und eindring⸗ licher an uns herantritt, je häufiger uns gerade in unſerer Zeit die falſche Energie ſtatt der wahren begegnet, und je größer und mächtiger heut zu Tage die Gefahren und Verſuchungen ſind, die ſich der wahren Energie in den Weg ſtellen und ſie zu brechen oder gar in der Wurzel zu zerſtören drohn. Ins⸗ beſondere aber habt ihr, die ihr jetzt aus dieſer Schule entlaßen werdet, um darnach in ein Lebensgebiet überzugehen, in dem euch eine größere Selbſtändigkeit zu Teil werden ſoll, in der That mehr als je Urſache, euch innerlich zu der rechten Energie im Denken, Wollen und Handeln zu ermuntern und in dem feſten Vorſatz zu ſtärken, den Feinden derſelben mit aller Entſchiedenheit entgegenzutreten. Dazu möchte ich euch noch zu guterletzt mit einigen wenigen Winken über die rechte Energie, ſoviel an mir iſt, behülflich ſein.

Schon der Sinn, in welchem Ariſtoteles gleich zu Anfang ſeiner Ethik das Wort Energie gebraucht, enthält die Keime der hernachmals erweiterten und geſteigerten Bedeutung deſſelben; Energie iſt zunächſt dem Wortlaute nach: wirkſame, kräftige Thätigkeit, intenſives, inhaltsvolles Thun, wird aber in umfang⸗