8
ihren verschiedenen Stufen zu entfalten; und zwar so, dasz doch wieder jedes Drama ein für sich dastehendes, in sich abgeschloszenes Ganze bildete, das an sich der anderen Dramen zu seiner etwaigen Ergänzung in keiner Weise bedurfte. So begegnen wir nun auch der Darstellung des Fluchs, der auf der Sündenthat ruht, im Allgemeinen in allen Stücken; aber sowol die Grenzen, bis zu welchen, als die besondere Art und Weise, in welcher sich derselbe offenbart, ist durch die Eigentümlichkeit des dramatischen Stoffes und der jedes- maligen dramatischen Charaktere bestimmt. Eben daher kommt es denn, dasz gerade im Oedipus Tyrannos jene Offenbarung des Fluches der Sündenthat bei weitem stärker als in den andern Dramen ist; der dramatische Stoff selbst bot hierzu die Grundlage dar, insofern in ihm allein erstens die grösten menschlichen Missethaten des Vatermords und der Blut- schande enthalten waren, zweitens die Greuel der plutschänderischen Verbindung durch die lebendigen Früchte derselben, die vorhandenen Rinder, gleichsam verkörpert und aufs höchste gesteigert erscheinen, und drittens jene Sündenthaten sich als Thaten darstellten, die nun von der Person des Helden nicht mehr ablöszbar, sondern mit dessen Leib und Leben unvertilgbar fest verbunden sind.
Jene beiden Verbrechen des Vatermords und Incestes galten auch dem heidnischen Altertum ¹) darum als die äuszersten menschlichen Schandthaten, weil dagegen in dem Innern des natürliehen Menschen selbst und zwar unmittelbar durch die Geburt die stärksten Schranken gezogen sind.²) Es ist die innerhalb eines Hauses mächtige Blutsgemeinschaft“)— und in dem Blute ist das Leben*)— die in den Adern des Rindes sich regt und ihm vorerst noch den angebornen Abscheu in die Seele drückt, sei es die Mörderhand gegen des Vaters Haupt, der es gezeugt, zu erheben, oder in grauenhafter Unnatur an der Mutter Schosz, der ihn geboren, sich zu versündigen. Wir begegnen hier einigen von den gewaltigen ange- borenen Gesetzen, die auch in der Heiden Herzen von Gottes Finger mit starken Zügen
1) Auf dieser natürlich auch im griechischen und römischen Criminalrecht überall hervortretenden Erkenntnis beruht es, dasz das Verbot beider, des Mordes und der Blutschande, mit zu den ge- setzlichen Hauptbestimmungen gehörte, auf deren Beobachtung die heidnischen Proselyten(des Thores) verpflichtet waren.
2) Sie können darum auch nur von einem G0 4⁶ ανμαυφ kommen. Oed. Tyr. 828. Oed. Col. 5310 ff. Daher die unerträglichen Rlänge in Oedipus Ohr, selbst da, wo er meint entschuldigt zu sein (wie wir nachher sehen werden). Oed. Col. 527 ff.„ 4 ν α 96 duεαe ννιμαα ⁶έαν επμm⁶, — Tod für Oedipus zu hören—, und das 29 G⁶ν mCↄQmw᷑Ἀͥwf4eö069, der zweite Schlag zur alten Wunde;— eine einschneidende Erinnerung, die auch Antigones Herz durchbebt, als sie der Chor daran mahnt, dasz sie des Vaters Schuld zu büszen habe(Antig. 857 ff.)
5) Aesch. Sept. 1022. delν⁶νντ⁴ zουνν⁶ν οαemQ‿‿eνμον oν κι—συσαeνεενν.
4) Soph. Electr. 775. uν dνναστον luοα


