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als das verzweifelte Verlangen, dasz sie ihn tödten, damit er nur hinwegkomme oder in des Meeres Tiefe werfen, um nie mehr gesehen zu werden.)
Eine so gewaltige Offenbarung des Fluches, der von der eigenen Sündenthat den Thäter trifft, sowol nach seiner vollen Ausdehnung über das ganze zeitliche Leben in der Vergan- genheit, Gegenwart und Zukunft, bis in die Tiefen der Unterwelt hinein, als nach seiner tief eindringenden, den ganzen Menschen nach Leib und Seele ergreifenden und beherschen- den Gewalt, findet sich in keinem der übrigen Sophokleischen Dramen wieder— und konnte sich auch so nicht wieder finden. Es zeigt sich nämlich auch hier, wie in so vielen anderen Dingen die schöpferische Mannigfaltigkeit und künstlerische Vollkommenheit unseres Dichters, der seine Stoffe nicht etwa nach einer bestimmten abstracten Idee alle gleichförmig gestaltet, noch die durch die lebendige Tradition im wesentlichen gegebenen Charaktere und deren einmal feststehende Schicksale und Erlebnisse gänzlich hinwegräumt, um selbsterdachten Thatsachen der Idee zu Liebe Bahn zu machen, sondern vielmehr jeden tragischen Stoff in seiner wesentlichen, ihm eben ganz besonders eigentümlichen Lebendigkeit erhält und in dieser concreten Gestalt die Idee walten läszt.“) Einzelne Fortbildungen der Tradition, die sich dabei die doch wieder freischaffende Dichterthätigkeit zur Darstellung der Idee erlaubt, sind darum begreiflicher Weise nicht ausgeschloszen;) aber wie alle wahre Freiheit, so offenbart sich auch diese dichterische darin, dasz sie sich in der Hauptsache doch innerhalb der gegebenen Schranken und überlieferten Gestaltungen hält. Dadurch erwächst indessen dem schöpferischen Geiste des Tragoediendichters so wenig irgend welcher Nachteil, dasz viel- mehr— gerade wie in anderer Beziehung z. B. das unüberschreitbare Gesetz der Schauspieler- Dreizal weit entfernt, die freie Entfaltung der dramatischen Handlung in ihrem Fortschritt zu hemmen, im Gegenteil dieser selbst nicht selten den kräftigsten Vorschub leistete,*) so auch die strenge Beobachtung des individuellen Gepräges der jedesmaligen, traditionell gegebenen Grundlage die beste Gelegenheit darbot, den Reichtum der einen Idee nach
1) Oed. Tyr. 1410 ff. öεαασ τdeντνάmστα ετοοσ ϑεαιν εεμα εμι τπτοων ν⁵⁶υάσwmñũ‿˖ꝓ⁵vsdασας Ʒωα‿⁵ασον Sxενιιαάησν,&ν˙νυ ουm,οοm άeWKlgd⁴ννεμω ν εέτνε. Vgl. Oed. Col. 454 f. An dem Tage war ihm das liebste Steinigung und Tod(⁴έστον ε ε 10*αιτνιϑασσαεεν νν ταχε τ κιασενηάάάꝙαι ππμιετσις). 2) Vgl. Lübker die Sophokleische Theologie u. Ethik. Kiel 1831 u. 1855. 1. H. p. 6. 3) Vgl. vorläufig die reichhaltigen Einleitungen Schneidewins zu den einzelnen Sophokleischen Tragödien. 4) Vgl. C. F. Hermanni disputatio de distributione personarum inter histriones in tragoediis Grae- cis. Marburgi 1840. p. 52.


