im Gemüte des Menschen schlummernden Mächte nehmen greifbare und sichtbare Gestalt an, werden zu Personifikationen und erscheinen als Götter, die sichtbar vor aller Augen in alles Menschliche eingreifen. Der Zweck, den das Eingreifen dieser göttlichen Gestalten hatte, konnte natürlich nur so lange erfüllt werden, als der Glaube an sie noch im Volke lebendig und un- erschüttert war. Die Welt der Götter und deren Walten sank herab’ zu einem Gebilde und Spiel der Phantasie, nachdem der Glaube daran entschwunden war. Deshalb hatte schon für Vergil die Einführung der Götterwelt etwas Unnatürliches. Sie musste zu einer reinen Aeusserlichkeit und Dichtermanier werden in späterer Zeit, denn die Göttermaschinerie, das ist der dafür erfundene Name, entbehrte des inneren Leben, des organischen Zusammenhangs mit der Handlung. Jede Daseinsberechtigung musste ihr aber fehlen zu einer Zeit, als längst die christliche Religion in Europa die herrsehende geworden war, nach deren Lehren die Götterwelt der Alten mit ihrem Wirken als heidnische Vorstellung, als Irrtum erschien. Trotzdem finden wir nun die merkwürdige Erscheinung, dass alle Renaissancedichter, soweit von Epikern die Rede ist, immer wieder zu ihr greifen als zu einem für ihre Zwecke nötigem Requisit, obwohl doch durch Religion und Bekenntnis dem Volke die Vorstellung von der Offenbarung des göttlichen Waltens im Geschick der Menschen und Völker geläufig war. Wenn daher auch Camöes zu dieser Göttermaschinerie seine Zuflucht nimmt, so thut er damit nur, was die andern thaten, doch macht er allerdings sehr ausgiebigen Gebrauch von ihr. Man darf ihm also ohne weiteres keinen Vorwurf machen, dass auch bei ihm die antike Götterwelt zu lebhafter Thätigkeit herangezogen wird, und darf nicht behaupten, wie es wohl geschieht, dass bei ihm Christentum und heidnische Götterwelt durch einander gemischt würden. Auch für Camödes gehörte die Göttermaschinerie nötig zu dem Epos hinzu, und wenn auch für ihn der eigentliche Zweck derselben längst hinfällig geworden war, so mochte er sie doch nicht entbehren, sei es auch nur, um als Schmuck des Ganzen wie der Rede zu dienen, wie er durch Thetis’ Mund darüber sagen lässt:
porque eu, Saturno e Jano, Jupiter, Juno fömos fabulosos, Fingidos de mortal e cego engano: So para fazer versos deleitosos Servimos—(X, 82).
Gerade dadurch tritt bei ihm das Auffallende und Unnatürliche der Erscheinung so recht zu Tage. Andererseits hat er sich aber so liebend in die Anschauungen des Altertums. hinein- versenkt und ist so tief in das Studium desselben eingedrungen, dass es ihm wohl gelungen ist, die Göttermaschinerie so anzuwenden, dass ihr eine gewisse Innerlichkeit anhaftet, und wir nicht allzu sehr ihr Auftreten und ihr Dasein als störendes Beiwerk empfinden. Es ist uns ganz einleuchtend, dass der Vater Zeus immer noch mit all seinen Göttern und Göttinnen bei Camödes neben dem christlichen Gotte sein. Dasein führt. Die alte Pracht und Herrlichkeit der Götter besteht noch, es fehlt aber den Bewohnern des Olymp und der Unterwelt die alte Ungebundenheit und Natürlichkeit. Sie haben viel von ihrem alten Glanz und ihrem alten Wesen an den einen Gott abgeben müssen, in dessen Dienst sie getreten sind, als dessen Emanationen sie durch menschliche Auffassung und Benennung oft erscheinen.\
Das hat an manchen Stellen zu einer merkwürdigen Vermengung und Verquickung der antiken Götterwelt mit dem Christentum geführt, die einen komischen, ja lächerlichen Eindruck hervorzurufen imstande sind. Zeus ist wie ein echter Christ damaliger Zeit ein fanatischer Feind aller Muhamendaner, vor allem des Mauren, er spricht vom falso Mafamede(Il, 50 u. öfter). Von den Heiden sagt er, dass sie vor Götzenbildern knieen(II, 51). Als nach jener fast wie ein Wunder


