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1. Teil (1890) Camoes als Epiker : A. Allgemeiner Teil / Gotthold Menze
Entstehung
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des Geschichtlichen ist nur bei Camdes anzutreffen, sie unterscheidet ihn sehr wesentlich von andern Kunstepikern des Mittelalters und stellt ihn selbst höher als Tasso, denn keiner verwertet geschicht- lichen Stoff in dieser Weise,;

Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir das in Zusammenhang bringen mit der klaren und ernsten Auffassung des Wirklichen, die Camödes auszeichnet. Kein andrer Dichter der Renaissance kann sich hierin mit ihm messen. Andrerseits brachte dieser Umstand, verbunden mit den besonderen Charaktereigenschaften des Dichters, es mit sich, dass er eins nicht besitzt, dessen Fehlen freilich nicht zu sehr bei ihm gefühlt wird,die Kunst des Fabulierens.* Es ist nicht zu leugnen, Phantasie steht ihm zu Gebote, das beweist das Werk in seiner ganzen Anlage, das zeigt die Darstellung des Treibens der Götter und Göttinnen für und wider die Portugiesen, das lehrt die Handhabung der Allegorie bei der Beschreibung der Vorgänge auf der ölha namorada, aber ihre Erfindung ist weder reich noch besonders glänzend zu nennen. Wie weit bleibt sie zurück hinter der des Ariost, die noch nie übertroffen ist. Daher kommt es auch, dass von eigentlicher Romantik wenig bei ihm zu spüren ist, und das um so mehr, je weniger der Vorwurf des Epos an und für sich Stoff und Gelegenheit dazu bot. Von allen Episoden bleibt. in dieser Beziehung vielleicht nur die anmutige Erzählung von den doze da Inglaterra(VI, 43 ff.), mit der Velloso die Wachenden auf dem Schiffe unterhält, damit Schlaf sie nicht beschleicht, mit dem Anspruch auf Romantik bestehen. Aber so reizend auch Einzelheiten darin sind, so anmutig sie selbst ist, wir vermissen doch in ihr das, was den romantischen Reiz derselben ausmachen müsste, der uns bei italienischen Kunstepikern mit unwiderstehlicher Gewalt umstrickt und gefangen hält. Doch heisst das gewiss zu viel gesagt, wenn gewisse Kritiker behaupten, diese Episode sei so alles romantischen Zaubers bar, dass man ordentlich froh sei, wenn sie endlich zu Ende gehe und der längst erwartete Sturm losbräche.

Noch eins kommt hinzu, um das Fehlen der Romantik bei Camöes noch erklärlicher zu machen. Der Dichter erweist sich als ein ausgezeichneter Kenner des menschlichen Herzens und Gemütes, er kennt und versteht die geheimsten Regungen desselben, kennt die ganze Skala der Empfindungen und Gefühle des menschlichen Gemütes in Freud und Leid, Schmerz und Lust aus selbsteigner reicher Erfahrung und versteht auch die Töne der angeschlagenen Seiten prächtig und packend wiederzugeben, aber was ihm hierin an Wahrheit und Treue zu Gebote stand, fehlte ihm anVielseitigkeit der Entfaltung. Auch hierin stehen die Italiener, vor allem der Meister in dieser Kunst, Tasso, weit über ihm.

Das Fehlende ersetzen aber reichlich in andrer Hinsicht Eigenschaften, die ihm als Epiker ganz besonders zu statten kommen. Rücksichtlich der Anschauung zeichnet ihn Unmittelbarkeit und Lebendigkeit aus, seine Empfindung zeigt Lebhaftigkeit und Natürlichkeit, die Darstellung schmückt Anschaulichkeit, das Angeschautewird packend und fesselnd wiedergegeben. Alles bei ihm ist durchdrungen von frischer Natürlichkeit, nirgends verfällt er in Künstelei und Geziertheit, nirgends stört Sentimentalität oder falsches Pathos. Seine ganze Darstellung der Ruhmesgeschichte Portugals und der Fahrt Gamas zeigt ein echt historisches Kolorit, welches einen Hauptschmuck des Epos bildet; wir leben in der eigentümlichen Atmosphäre der damaligen Zeit, stehen mitten drin in der Sitte, Lebens- und Denkweise des Zeitalters der Gegenreformation, des nationalen Aufschwungs Portugals.

In allem aber, was der Dichter vor unsern Augen entrollt, in allem was er geschehen lässt, in dem glorreichen Werden seiner Nation, das in der That Gamas seinen Glanzpunkt hat, haben wir nicht ein Spiel des Zufalls, sondern wir müssen mit ihm darin erkennen das Walten der sittlichen Weltordnung. Jedes echte Epos soll zeigen, wie dieses Walten vor sich geht, wie im Leben des Einzelnen und der Gesamtheit, in allem Menschlichen jener Wille der höhern Macht in Wirklichkeit sich umsetzt. In den alten Epen geschah das greifbar und fasslich, Die Kräfte der Natur, die