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Hauptgestalt des Ganzen fehlt. Daher fehlt auch ein eigentlicher Kernpunkt, eine Heldengestalt, worauf alles sich bezieht und hinweist. Die äussere Handlung, die Fahrt der Portugiesen unter Gamas Leitung, muss ihm das hier ersetzen. Wenn Vasco de Gama als Held des Epos bezeichnet wird, so kann das streng genommen nur insofern Geltung haben, dass er den Mittelpunkt abgiebt, um den sich alle Helden Portugals scharen und gruppieren, die gleichwertig mit Gama, für die Macht und Grösse ihres Vaterlandes wirkten, als seine Heldenthat den Schlussstein aller herrlichen und bedeutungsvollen Ereignisse und Thaten bildet, die den Glanz der portugiesischen Geschichte ausmachen. Singt doch Gama selbst gleich zu Anfang des Epos:
As armas e os Baröes assinalados,
Que da occidental praia Lusitana
Por mares nunca d’antes navegados Passaram ainda aldm da Taprobana;— E tambem as memorias gloriosas Daquelles reis, que foram dilatando
A f& o imperio, e as terras viciosas
De Africa e de Asia andaram devastando, E aquelles, que por obras valerosas
Se vüo da lei da morte libertando; Cantando espalharei por toda parte,
Se a tanto me ajudar o engenho e arte.(I, 1, 2.)
An die Stelle eines Helden trat die Gesamtheit der Nation, der Heldensinn, die Heldenthaten der Portugiesen, die dann gipfeln in jener Grossthat Gamas und seiner Schar. Es wäre die Aufgabe für Camöes eine leichtere gewesen, hätte er eine einzige Heldengestalt episch dargestellt, auch hätte er so nicht viele Vorteile und Schönheiten, welche die Darstellung des Werdens eines Heldencharakters ihm bieten konnten und mussten, aus der Hand zu geben brauchen. Er fasste seine Aufgabe gleichsam tiefer auf und steckte sich ein höheres Ziel. An Stelle des Einzelcharakters setzte er den Charakter seines Volkes, sein Epos ist geschrieben zum Lob und Preise der Heldengestalt einer ganzen Nation, deren Heldenthaten er vielseitig schildert, dessen Charakterentwicklung und-bildung im Strom der Welt er ausführlich zeigt an der Hand einer glorreichen Geschichte. In den mannigfachsten Lagen wird uns das Lusitanenvolk vorgeführt, die verschiedensten Einwirkungen auf dasselbe lernen wir kennen, seine innere und äussere Entwicklung können wir verfolgen. Uberall aber kommt uns seine- grosse Natur zum Bewusstsein, alles an ihm ist.echt menschlich. Wie am Charakter des Einzelnen, so zeigen sich an ihm gewisse Seiten besonders scharf ausgeprägt. ı Lust zu Abenteuern, ein Trieb in die Ferne, Mut und Kühnheit in allen Lebenslagen, Liebe zum Kampfe und Tapferkeit in ihm, Vater- landsliebe, Treue gegen den Herrscher und Gottesfurcht zeichnen den Portugiesen des Camöes besonders aus. Sie bedingen das glorreiche Werden der Nation, wie letzteres die ersteren zeigt. Dieses Werden, dessen Höhepunkt Gamas That bildet, zeigt uns Portugals Geschichte, die das Epos uns vorführt. Darum ist auch alles, was Camödes vorträgt, Wirklichkeit, echte Wirklichkeit, kein Erzeugnis oder Ausfluss seiner dichterischen Phantasie. Es ist etwas, was die Nation erlebt hat, von dem jeder Kenntnis hat. Diese Wirklichkeit wird aber nicht dargestellt in weitschweifiger Weise, wird, nicht vorgetragen in Form eines trocknen Berichtes, der Thatsache an Thatsache reiht,- unbekümmert um ihren innern Zusammenhang und ihre Wichtigkeit, sondern in zusammenfassender, klarer und gedrumgener Darstellung, alles Überflüssige weglassend, und mit sorgfältiger Vermeidung aller Abschweifung. Echt nationale Begeisterung beseelt die ganze Darstellung. Derartige Behandlung


