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1. Teil (1890) Camoes als Epiker : A. Allgemeiner Teil / Gotthold Menze
Entstehung
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Gebräuchen, wie könnten ihre Kriege, ihre Gesetze, ihre vielseitigen Interessen auch nur irgendwie seine Wiss- und Lernbegierde, seine Neugier erregen? Der grösste Teil des ganzen langen Berichtes musste also für ihn vollkommen unverständlich sein. Hätte der Fürst aber wirklich schon einige Kenntnis von dem, was er aus Gamas Munde vernimmt, so müsste der Bericht eine Wirkung bei ‚dem Mohren erzielen, die ganz das Gegenteil von dem sein würde, was er bezweckte. Die Portugiesen erscheinen als Todfeinde seines eigenen Geschlechtes, die keine grössere und Gott wohlgefälligere That thun können, als die Mohren mit Feuer und Schwert zu vernichten, die nichts Widerwärtigeres und Abschreckenderes, zugleich in tiefster Seele Verhassteres kennen, als die Religion Mohammeds, deren treuer Anhänger Melindens Fürst ist. Wenn nun dieser dennoch in jeder. Weise sich den Portugiesen entgegenkommend zeigt, sie mit allem Nötigen, sogar mit einem gewissenhaften und zuverlässigen Lotsen versieht, so macht das seinem Charakter alle Ehre, ist uns aber nach allem, was wir bisher von der maldita gente gehört haben, nicht recht verständlich und nicht recht glaubhaft, da es psychologisch sehr unwahrscheinlich ist. Von Camöes scheint das übersehen zu sein. Oder sollte er es doch bemerkt haben und uns durch die vortrefflich geschilderte Neugier des Mohren und durch Einführung der auf überirdischem Wege von dem Fürsten erlangten Kunde-von Portugal haben hinwegtäuschen wollen?

Noch an einer anderen Stelle hat Camödes versucht, in'epischer Weise die Vergangenheit in die dargestellte Einzelhandlung hineinzuziehen. Auch hier ist der Bericht geschickt untergebracht, zugleich aber auch gut motiviert. Nichts war natürlicher, als dass der Herrscher des Bezirkes von Calicut im Verein mit seinen Grossen Auskunft wünschte über Gamas Heimat, über Land und Leute und über die geschichtliche Vergangenheit der Portugiesen. Keiner war mehr als er berechtigt, Ausführliches zu erfahren, damit er die Grösseund Heldenhaftigkeit derer kennen lernte, deren Boten soeben auf weiter Wasserstrasse zu ihm gekommen sind. Wir erwarten hier, wo die Portugiesen doch ausgesprochenermassen, nach Gamas eignen Worten, mit den Leuten in Freundschaft für immer und in ausgedehnte Handelsbeziehungen treten wollen, am ehesten eine klare und ausführliche Darstellung alles dessen, was in den Augen der Inder die Macht und Stärke der Portugiesen und ihre geschichtliche Grösse kennzeichnen muss. Statt dessen wird aber auf verhältnismässig kleinem Raume, in 40 Strophen, abermals eine Verherrlichung der hervorragendsten Helden und Könige geboten, die von Lusus, dem sagenhaften ersten Herrscher ausgehend, mit Ceutas Eroberung durch Dom Pedro abschliesst. Abgesehen aber davon, dass uns die Empfindung beschleicht, es gehöre der ausführliche, historische Bericht eigentlich hierher, macht das einen störenden Eindruck, dass genau genommen noch einmal dasselbe, wenn auch kürzer, vorgetragen wird, was Melindens Fürst bereits in epischer Breite erfahren hat. Freilich wird auf einzelne Helden mehr Rücksicht genommen, die bei dem ersten Bericht übergangen und zu kurz gekommen sind, aber das Anschlagen desselben Themas wirkt störend, so fein auch die Ausführung im einzelnen ist, so geschickt auch manche neuen Züge angebracht sind und dem Stoffe ein anderes Interesse abgewonnen wird. Wir haben den besprochenen Umstand stets als einen Mangel empfinden müssen. Die Einführung selbst ist mit vielem Geschick bewerkstelligt. Ein indischer Grosser kommt im Hafen von Calieut im| Auftrage seines Herrschers auf Gamas Schiff und sieht auf den zur Feier des Empfanges aufgestellten Flaggen und Fahnen allerlei Grossthaten und. Heldengestalten dargestellt. Um Erklärung, des Abgebildeten sich an Paulo de Gama wendend, erfährt er von diesem Bedeutung und Sinn des Dargestellten und erhält so einen in Einzelheiten recht ansprechenden Bericht von Portugals Helden- thaten und Heldensöhnen.

Eigentümlich ist die Einführung des für die Haupthandlung des Epos historisch in der Zukunft liegenden Berichtes von Portugals Heldenthaten und Eroberungen in Indien. Mit künstlerischem Geschick ist derselbe in den Sehermund einer Nymphe gelegt, die prophetisch der