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1. Teil (1890) Camoes als Epiker : A. Allgemeiner Teil / Gotthold Menze
Entstehung
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BL

Bericht die Entstehung des lusitanischen Reiches, seine Kämpfe mit Rom, mit den Spaniern und den Mauren. Immer weiter sehen wir das Gebiet sich ausdehnen, der Vernichtungskampf gegen die Mauren erfolgt mit Unterstützung der Spanier bei Tarifa. Die Reihe der Herrscher gleitet an uns vorbei, siegreich geht Portugal aus schwerem Kampfe mit Spanien hervor, das um Frieden bitten muss. Wir sehen dann Portugals Könige den Kampf gegen die Ungläubigen in Afrika fort- setzen, sich hinauswagen immer weiter auf das Meer, bis unter König Manoel jener denkwürdige Zug ausgerüstet und unternommen wird, als dessen Befehlshaber Gama beim Fürsten von Melinde eingetroffen ist. Auf diese Weise ist die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der besonderen Begebenheit der Gegenwart hergestellt.

ks darf nicht geleugnet werden, dass diese ganze Darstellung der bisherigen Geschichte Portugals, so geschickt sie auch eingeführt ist, an gewissen Fehlern leidet, die dem reinen Kunst- genuss Abbruch thun. Wenn behauptet wird, dass sie mitunter weiter nichts sei, als eine gereimte Chronik, versifizierte Geschichte, so ist das vielleicht der geringste. Wohl mag uns manches trocken und dürr erscheinen, manches unwichtig und wertlos vorkommen, bei vielem uns das Interesse verlassen, anderes wieder monoton und gestaltlos aussehen, wir dürfen dabei nie vergessen, dass der Dichter zunächst für seine Landsleute schrieb. Sie fanden darin alle die Heldenthaten, denen Portugal seine Grösse verdankte, alle die Helden, deren Name in aller Munde lebte und von jeder- mann mit Stolz genannt wurde. Über alles aber hat der Dichter in vollendet dichterischer Sprache den Hauch echter Poesie ausgegossen, überall ist der Schlag eines vom glühendsten Patriotismus erfüllten Herzens zu spüren. Wenn aber diese ewigen Kämpfe, dieser grimmige Hass und Fanatismus gegen die Mauren, dieses ewige Schlachten und Morden für unser Gefühl etwas Unsympathisches und Abstossendes hat, so müssen wir bedenken, dass Portugal nur durch diese Kämpfe gross geworden ist, dass es sich, wie wir bereits erwähnten, um einen Kampf ums Dasein für das portugiesische Volk dabei handelte, um einen Kampf für die heiligsten Interessen desselben. Ausserdem hat es der Dichter verstanden, für Abwechslung und Unterbrechung zu sorgen. Mit künstlerischer Hand hat er einige reizende Episoden in seinen Bericht eingeführt. Wir treffen dort die ergreifende Geschichte von der Ines de Castro(III, 118 fi.), deren unschuldiger Tod durch Mörderhand unser tiefstes Innere erschüttert, wenn wir sehen, wie sie ein Opfer ihrer reinen, echten Liebe wird. Reizend erfunden ist die kleine Episode von der Erscheinung des Indus und Ganges, die dem König Manoel im Traume sich zeigen, um ihn aufzufordern, nach Indien zu kommen, das darauf warte ihm seinen Tribut zu entrichten(IV, 69 ff.). Trefflich unterbricht Camöes den geschichtlichen Bericht durch Äusserungen seiner subjektiven Empfindung, durch Vor- führung dessen, was sein innerstes Herz bewegt. Gleich einem erfrischenden Quell durchbricht an geeigneter Stelle, wo der Stoff dazu aufforderte, seine köstliche Poesie das Einerlei des historischen Berichtes. Wie ergreifend sind seine Worte, die er dem Nuno Alvarez(IV, 15 ff.) in den Mund legt, als die Streiter in banger Zaghaftigkeit ihren Herrscher im Stich lassen wollen! Wie klingt edelste Begeisterung für das Vaterland aus den Stanzen, die der Schlacht bei Tarifa gewidmet sind! : Ganz aus unserer Seele gesprochen ist jenes verdammende Urteil gegen eitle Ruhm- und Ehrsucht der Menschen, die nichts unversucht lässt(IV, Ende). Wie packt uns die Klage des Alten bei der Abfahrt der Schiffe aus dem Tejo, wie ergreifen uns die Worte der jammernd zurückbleibenden Verwandten der absegelnden Schiffer!. Das ist wahre, echte Poesie!

Schwerer wiegt vielleicht der Vorwurf, dass dieser Bericht aus Portugals Geschichte schlecht motiviert ist. Hier ist wirklich ein schwacher Punkt in der Ronzıpierung des Stoffes, worauf schon öfters hingewiesen ist. Der König von Melinde hat noch nie etwas von Europa vernommen, auch nicht vernehmen können, was kann ihn die Lage der einzelnen Länder dieses Erdteils interessieren? Er hat nie die geringste Kunde erhalten von europäischen Völkern, ihren Schicksalen, Sitten und

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