OT
und Fähigkeit, mit der Wirklichkeit rechnend die Ideale als unerreichbar anzuerkennen und dankbar mit dem zufrieden zu sein, was die Gegenwart, der Augenblick uns beut.
Doch das Schrecklichste für Camöes hatte das Geschick ihm bis zuletzt anfgespart. Er, der trotz aller Enttäuschungen so glühend heiss sein. Vaterland liebte, musste noch erleben, wie es von seiner stolzen Höhe durch schlechte Leitung irre geführt und in Verblendung befangen, jäh herab- stürzte, wie es schmählich zu Grunde ging und seine Selbständigkeit und Freiheit einem verhassten Gegner zu opfern begann, der es schon lange mit Intriguen umgarnt hatte. Dass aber das uner- bittliche Geschick ihn diesen Zusammensturz des Vaterlandes nicht lange überleben liess, das ist vielleicht die einzige Gunst, die es ihm je erwiesen hat.
Hoch und herrlich ragt aus dieser wahrhaft erschütternd wirkenden Tragödie seines Lebens die Dichtergestalt des Camöes hervor. Denn die Natur hatte ihm noch verliehen, alles, was ihn im Imnersten bewegte und erfüllte, in Poesie ausströmen zu lassen. Wie sie aber alles, was sie ihm schenkte, reich und verschwenderisch über ihn ausschüttete, so auch die Gabe des„Singens und Sagens“. Wo Camöes auch sein mochte, was er auch thun und treiben mochte, die Poesie war seine stete Begleiterin; Freud oder Leid mochte ihm zu teil werden, Unglück und Schmach ihn treffen, der Tod mochte ihm drohen, die geliebte Poesie verliess ihn nie, sie war das Element, in dem er sich wohl fühlte, sie die Lebensluft, in der er atmete. Alles strömte bei ihm aus in Gesang. Schon frühzeitig muss ihm gewissenhafte und nachdrückliche Übung zu statten gekommeu sein, das beweist seine formelle und sprachliche Meisterschaft; tief ist er in alle Geheimnisse der edlen Kunst eingedrungen und mit allem, was zu ihr gehört, auch mit dem Handwerksmässigen innig vertraut. Es kann uns nicht Wunder nehmen bei der eigentümlich tragischen Lebensgeschichte des Dichters, dass ein tief tragischer Zug durch Camöes’ ganze Poesie hindurchgeht. Am wenigsten tritt dies natürlich in seinem Epos hervor, denn naturgemäss musste in den Lusiaden der Reichtum seines eignen inneren Lebens gegen die Kraft und Fülle des Stoffes zurücktreten. Dennoch gestatten uns auch die Lusiaden tiefe Blicke zu thun in das reiche Innere seiner grossen Seele, besonders dort, wo die eigne Empfindung des Dichters zum Ausdruck kommt. Dabei erkennen wir denn, dass zwei Seiten darin ganz besonders stark ausgeprägt sind, die für ihn als Epiker von bestimmendem Einfluss gewesen sind.
Camöes ist ein tief religiös veranlagtes Gemüt, begeistert für alles Edle, Wahre und Schöne, dazu durchdrungen und beseelt vom edelsten und reinsten Patriotismus, ausgestattet mit der selbstlosesten Liebe zu Vaterland, Volk und Fürst, die fast in Schwärmerei ausartet.
Stets und in jeder Lebenslage gewohnt, den Blick nach oben zum Lenker der Geschicke zu richten, ist für ihn das Irdische nur eine Vorstufe zu dem Himmlischen, das Dasein hier auf Erden nur ein vorübergehendes, vorbereitendes auf jenes nach unserem Tode. Fest wurzelt er aber mit allen Fasern in dieser Welt. Er lebt in ihr, in der jeder. seinen Platz angewiesen erhalten hat, den er auszufüllen hat, im Jenseit jedoch ist unsere patria verdadeira(IX, 15). Der Leib bildet für unsre Seele nur ein Gefängnis(X, 31), wahren Frieden und wahre Ruhe findet sie erst in jener Welt, denn das Leben hier auf Erden ist für sie eine stete guerra turbulenta(X, 32). Das alles bestimmt des Dichters ganze Lebensanschauung und Lebensrichtung. Vor allem beseelt ihn das Streben, hier seinen Platz, an den ihn die göttliche Vorsehung hingestellt hat, voll und ganz auszu- füllen. Diese göttliche Vorsehung, Gott, ist die wahre höchste Macht, der alles unterworfen ist; Gott ist end- und anfangslos, für unser Verstehen völlig unbegreiflich:
mas o que& Deos ninguem o entende; Que a tanto o engenho humano näo se estende.(X, 80.)


