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1. Teil (1890) Camoes als Epiker : A. Allgemeiner Teil / Gotthold Menze
Entstehung
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werfung der Mauren aus Europa, ein Verdienst, das sie brüderlich mit den Spaniern teilen. In jahrhundertelangem, unausgesetztem, schwerem Ringen war es den Luso-Hispanen endlich gelungen, den verhassten Feind aus dem Lande hinauszuwerfen. Es war das eine Leistung, welche die Brust eines jeden Luso-Hispanen mit gerechtem Stolze, mit Freude und Jubel erfüllen musste. Man kann über die Maurenkriege und-verfolgungen denken, wie man will, es mögen die dabei verübten Greuel- und Schandthaten uns im tiefsten Innern mit Abscheu und Ekel erfüllen, wir mögen beklagen, dass Millionen eines fleissigen und tüchtigen Volkes zu Grunde gingen, weite Strecken fruchtbarsten Landes fast für immer der Kultur verloren waren, das müssen wir rückhaltlos anerkennen, dass durch der Luso-Hispanen-That für das westliche Abendland christliche Civilisation und Kultur gerettet wurde.

Während hier im Westen die Mohammedaner den Streichen einer verhältnismässig kleinen Zahl erlagen, schienen sie im Osten Europas das Verlorene in reichem Masse wiederzugewinnen und allen Angriffen der abendländischen Christenheit siegreich zu widerstehen. Einer Sintflut gleich wälzten sie sich von Osten heran, alles mit Ungestüm vor sich niederwerfend, und es schien nach ihrem Vordringen bis in deutsche Gaue um das Abendland geschehen zu sein. Die Eroberung des Westens durch die Türken wäre gleichbedeutend gewesen mit der gänzlichen Vernichtung europäischer Civilisation und Kultur. Übertriebener Nationalstolz lässt auch hier Europa vor diesem Schicksal, eine Beute asiatischer Barbarei zu werden, durch die Portugiesen bewahrt werden. Man behauptet, dass die, Ankunft der Portugiesen in Indien, die Ausbreitung ihrer Herrschaft in morgenländischen Gebieten und die drohende Gefahr, dass in Asien ein neues europäisches Reich entstünde, wo doch die Türken allein bisher Herr und Meister waren, die Wogen dieser merkwürdigen Wanderung des Islam zurückfluten liessen. Dass das Erscheinen der Lusitanen in Asien, die Festsetzung und die mit unglaublicher Tapferkeit und Zähigkeit ausgeführte Ausbreitung ihrer Herrschaft im Morgenlande wesentlich dazu beigetragen hat, ist wohl nicht zu bezweifeln, aber es wirken noch ganz andere und wichtigere Umstände mit, dem Vordringen der Türken in Europa einen Damm entgegenzusetzen. Das wahre Verdienst des Erscheinens der Portugiesen in Asien liegt ganz wo anders, darin nämlich, dass von nun an der Orient endgültig mit dem Occident verkrüpft war, dass dem Abendlande eine neue, bisher nur höchst mangelhaft gekannte Welt erschlossen war, dass hingegen der Orient von jetzt an abendländischer Kultur und Civilisation zugänglich gemacht wurde. Hierin liegt die voll- ständige Lösung der den Portugiesen von der Vorsehung zugefallenen kulturgeschichtlichen Aufgabe. Mit der Auffindung des Seewegs nach Ostindien und mit der Erschliessung Asiens beginnt für das Morgenland eine neue Aera.

Für Portugal war es der letzte Schritt zu seiner europäischen Machtstellung. Fast schien es, als ob nach den Eroberungen in Indien die Portugiesen ein neues Weltreich gründen sollten, beginnend mit Lusitaniens Gestaden, die afrikanischen Küsten umspannend, Indien umfassend und bis zu Chinas Ländern sich ausstreckend. Als Cabral Brasilien entdeckt und Magalhäes, wenn auch auf spanischen Schiffen, die grösste maritime Heldenthat, die Umseglung der Welt vollbracht hatte, schien die ganze Welt portugiesischem Mute und portugiesischer Thatkraft offen zu stehen. Diese durch Jahrzehnte dauernden Eroberungs- und Entdeckungszüge zur See erscheinen wie eine einzige grosse Heldenthat, sie bilden das Heldenalter der lusitanischen Nation, die Zeit ihrer höchsten Blüte auf allen Gebieten, die Zeit, in der sie ihre eigentliche Rolle in der Weltgeschichte spielt.

Mitten hinein in diese Zeit nationaler Grösse Portugals fällt das Leben eines seiner würdigsten Söhne, des Camöes. Jugend und Mannesalter sahen noch zum Teil jene wahrhaft fieberhafte, nationale Begeisterung der Portugiesen, in den fernsten Erdteilen und Zonen Portugals Macht und Ruhm zu ver- breiten. Luiz de Camöes, als Sohn einer adligen, aber verarmten Familie zu Lissabon 1524 geboren, trat nach Vollendung seiner Studien zu Coimbra, wo er schon vielfach dichterisch thätig war, in den