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1. Teil (1890) Camoes als Epiker : A. Allgemeiner Teil / Gotthold Menze
Entstehung
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Persönlichkeit des Dichters.

Es muss zunächst unsre Aufgabe sein, die Voraussetzungen und Verhältuisse zu betrachten, auf deren Boden die eigenartige Dichtung des Camöes erwuchs, Charakter und innere Entwicklung des Dichters selbst aus seinen Lebensschicksalen und seinen Werken kennen zu lernen, um so ein volles Verständnis des Menschen und Künstlers Camödes, wenn nicht zu erreichen so doch anzubahnen. Nur so werden wir auch imstande sein, seinem Hauptwerke, dem Eposos Lusiadas das richtige Verständnis entgegen zu bringen.

Camdes gehört der Litteraturperiode an, die uns die Völker romanischer Zunge der süd- europäischen Länder in einem neuen, merkwürdigen Aufschwunge zeigt. Schnell und fast unvermittelt kam derselbe, erreichte eine kaum geahnte Höhe und versank nach kurzer, aber desto herrlicherer Blütezeit schnell wieder. Derselbe wurzelt bekanntlich zum grossen Teil in jener eigentümlichen, durch alle katholischen Länder im XVI. Jahrhundert gehenden Bewegung, der sogenannten Gegen- reformation, die besonders seit dem Tridentiner Konzil in scharfem, strengem und bewusstem Gegen- satze zur Reformation, durch Reformen innerhalb. der alten angestammten Kirche das zu erreichen suchte, was eine Wiedergeburt derselben an Haupt und Gliedern sein sollte. Doch beschränkte sich diese zweck- und zielbewusste Bewegung nicht allein darauf, der Kirche ihre alte Reinheit und Machtstellung zurückzugeben, das gesunkene Ansehen des katholischen Oberhauptes und der Priester wieder herzustellen. Damit verbunden und gleichbedeutend war ein schonungsloser Kampf gegen alles, was der neuen Lehre des Protestantismvs anhing. In den südlichen Ländern Europas war er am erbittertsten und führte zur vollständigen Ausrottung der Anhänger des neuen Glaubens. Diese mächtige Bewegung in den katholischen Ländern brachte für Italien, Spanien und Portugal einen neuen Aufschwung auf geistigem, besonders litterarisch-poetischem Gebiete mit sich. Gleichzeitig mit den wohlthätigen Einflüssen dieser Bewegung machten sich aber ihre schädlichen Wirkungen geltend. Fanatismus in Glaubenssachen, Hang zu mystischer Betrachtungsweise, heuchlerische Frömmigkeit, Hang zu falscher Naivität, Schwelgen in wortreicher Sprache und ähnliche Erscheinungen traten zu Tage.

Fast in allen litterarischen Denkmälern dieser Zeit tritt uns diese Doppelseite der Bewegung entgegen, bei vielen verkümmert sie uns den Genuss, manche stehen zu sehr unter dem Einfluss konfessioneller Kurzsichtigkeit und der durch Fanatismus entfachten Leidenschaften, als dass sie noch auf den Wert eines Kunstwerks Anspruch erheben könnten. Tassos, Lopes de Vega und Calderons Werke atmen diese eigentümliche Luft, in ihr lebt auch Camöes, der fest in dem durch die Gegenreformation bearbeiteten Boden wurzelt. Gerade er ist ganz besonders dazu angethan, die gute und segenbringende Seite jener grossartigen Bewegung uns zu veranschaulichen, als deren herrlichster und edelster Vertreter er erscheint.

Es war ihm das Glück zu teil geworden, durch Geburt einer Nation anzugehören, die gerade zu seiner Zeit.auf dem Höhepunkte ihrer geschichtlichen Machtstellung stand und soeben ihre kultur- geschichtliche Aufgabe für die eivilisierte Menschheit erfüllt hatte. Auf eine ruhmreiche Vergangen- heit blickte dieses an Zahl so kleine Völkchen zurück. Entstanden aus ganz geringen Anfängen, stets bedroht von der alles zu erdrücken drohenden hispanischen Macht, hatte die Nation ihre blutig erkämpfte Selbständigkeit mit dem Schwerte in der Hand in unzähligen Heldenkämpfen zu. erhalten gewusst. Sie konnte auf eine glänzende Reihe tüchtiger Herrscher herabblicken mit Stolz und Genugthuung, auf eine Geschichte, reich an Beispielen unvergänglicher Heldenthaten, edelster und begeistertster Vaterlandsliebe.

Dazu kam, dass es dem lusitanischen Volke gelang, die ihm von der Vorsehung zugefallene eivilisatorische Aufgabe in befriedigender Weise zu lösen. Diese bestand zunächst in der Zurück-