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Bahnbrechend für Camödes ist hier Friedrich von Schlegel gewesen. Erst seit ihm wendete man dem Sänger der Lusiaden grössere Aufmerksamkeit zu und lernte ihn recht würdigen, zumeist freilich nur als Epiker. Doch ist die Gemeinde der Kenner und Verehrer des Dichters immer noch eine sehr kleine, wenn auch sein Name im Munde eines jeden Gebildeten ist, der oft nichts weiter von ihm weiss, als dass er Portugals grösster Dichter und der Sänger der Lusiaden ist, wenn er anders wirklich den richtigen Namen des Epos kennt, Es hat seit Schlegels Urteil über Camöes nicht an Versuchen gefehlt, den Dichter uns-näher zu bringen. Wir besitzen gute Übersetzungen, die wohl geeignet sind, ihn als einen der grössten Epiker der neueren Zeit auch breiteren Schichten zugänglich zu machen, wenn sie auch alle den eigentümlichen Reiz und Zauber, der das Original umkleidet, nicht wiederzugeben oder zu ersetzen imstande sind. Litterarhistoriker sind nicht müde geworden, ihn, den Sänger der Lusiaden, als einen Dichter von Gottes Gnaden zu preisen, ihn mit mehr oder weniger Geschick höher zu stellen als Ariost oder Tasso, die bisher in der Kunstepik glänzendsten Namen, ihn als den würdigsten Nachfolger Homers zu bezeichnen und ihm vor Vergil, dem Sänger der Aeneide, den Vorrang zu geben. Sieht man aber das dem Dichter meist reichlich gespendete Lob genauer an, geht man näher ein auf das, worauf die so glänzend klingenden, blendenden, aber doch ziemlich wohlfeilen Vergleiche eigentlich beruhen, so erkennt man gar bald, dass sich oft vieles nur auf eine oberflächliche und flüchtige Beschäftigung mit Camödes stützt, ohne dass man es für nötig erachtet hat, sich in ein tiefer gehendes Studium des Dichters einzulassen. Auch das, was so häufig über Schönheit der Sprache und des Ausdrucks, der Episoden in den Lusiaden, über Camöes Patriotismus u. s. w. vorgebracht wird, bewegt sich meist nur in allgemeinen Ausdrücken und beschränkt sich auf eine flüchtige Zeichnung iu Umrissen. Man lässt sich gewöhnlich nicht herbei, eine Untersuchung im einzelnen anzustellen, worin das Behauptete besteht und worin der Grund dessen liegt, was Camöes als Kunstepiker vor andern auszeichnet und ihm eine hervor- ragende Stelle zuweisen lässt.
Die nachfolgende Untersuchung wird nun den Versuch wagen, dem Epiker Camödes möglichst allseitig gerecht zu werden. Wir bilden uns dabei keineswegs ein, überall Neues zu bringen, glauben aber, durch schärfere Beleuchtung mancher Seite des Dichters und seiner Dichtung, einiges beigetragen zu haben, was dem Gesamtbilde des Epikers Camöes grössere Klarheit und Deutlichkeit verleiht. Ausdrücklich müssen wir aber dabei erwähnen und betonen, dass der folgende allgemeine Teil der Abhandlung mit besonderer Berücksichtigung seiner Bestimmung für weitere Kreise geschrieben ist._ Wir hielten uns dazu ganz besonders berechtigt. Durch Camöes Mund redet zu uns eine Nation, die dem jung aufstrebenden Deutschland, das jetzt seine Blicke richtet auch auf fremde Zonen und Meere, um dort seine Macht und Grösse auszubreiten, zeigen kann, dass kecker Wagemut, Tapferkeit, Heldensinn, verbunden mit edlem Patriotismus alles vermag, auch dem Stärkeren gegenüber, dass ihnen die ganze Welt offen steht. Deutschland aber hat seit kurzem gerade in den Gebieten Afrikas festen Fuss gefasst, von denen zuerst Portugals Entdeckungen der Welt Kunde brachten, die zum Teil früher in ausschliesslichem Besitze der portugiesischen Krone waren.
Den eigentlichen Schwerpunkt unserer Abhandlung haben wir in den zweiten; später zu veröffentlichenden Teil legen zu müssen geglaubt, der eine eingehende Behandlung und Würdigung der Sprache und des Stiles der Lusiaden bringen wird, ein Moment, das bisher noch zu wenig Berücksichtigung gefunden hat.


