Gamoes Studien.
I. Teil: Camöes als Epiker.
A, Allgemeiner Teil.) Einleitung.
Es ist eine bekannte Thatsache, dass jedes Volk einen oder mehrere Geistesheroen besitzt, in denen gleichsam alles, was die Nation Eigentümliches hat, vereinigt erscheint, die den National- charakter am ausgeprägtesten zeigen, die Individualität der Nation am schärfsten zum Ausdruck bringen und in denen ausserdem wie in einem Brennpunkte alle Strahlen der Intelligenz und des Wissens ihrer Zeit zusammenschiessen. So hat Italien seinen Dante und Petrarca, Spanien seinen Öervantes, Frankreich seinen Voltaire, England seinen Shakespeare und Newton, Deutschland seinen Goethe und Luther. Wie an diese Namen die Vorstellung und der Begriff alles dessen sich knüpft, was die Nation als solche auf geistigem Gebiete geleistet hat, so umschliesst der Name Gamöes alles, was eine kleine Nation, winzig klein gegen ihre Nachbarn, auf dem Höhepunkt ihrer politischen und intellektuellen Machtstellung für die Nachwelt Grosses gethan hat. Unauflöslich ist der Name Uamoöes mit dem Ruhme und der einstigen Grösse Portugals verbunden.
‘s ist diesem Geistesheroen gegangen wie manchem andern. Nach einem Leben voller Mühsalen und Enttäuschungen ist erst die Nachwelt ihm einigermassen gerecht geworden. Zwar hat es Camöes schon bei Lebzeiten nicht an eifrigen und begeisterten Bewunderern gefehlt, geschickte und ungeschickte Nachahmer und Nachtreter sind den von ihm gezeigten Weg gewandelt, zahlreiche Ausgaben und Kommentare der Lusiaden aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert beweisen, dass er besonders in seinem Vaterlande geschätzt und geliebt wurde, aber wie er im XVII. Jahrhundert selbst von seinen Landsleuten fast gänzlich vergessen wurde, so ist erst die Neuzeit dazu berufen gewesen, ihm die verdiente Anerkennung zu teil werden zu lassen. Nicht unwesentlich hierzu bei- getragen zu haben, dieser Ruhm gebührt Deutschland, das überhaupt so viel für richtige Würdigung und volles Verständnis so manches Dichters des Auslandes gethan hat.
!) Benutzt wurden für diesen allgemeinen Teil folgende Werke: Avö-Lallemant, Luiz de Camoens, Portugals grösster Dichter. Leipzig 1878.— Braga, Bibliographia Camoniana. Lisboa 1880.— Burton, Camoens His life and bis Lusiads. A commentary... London 1881.— Carriere, Kunst im Zusammenhang der Kultur- entwickelung und die Ideale der Menschheit. Bd. IV. 1877.— Carriere, Aesthetik.— May, Camves als Dichter und Krieger. Herrigs Archiv, Bd. 49.— Reinhardstoettner, Os Lusiadas... Strassburg 1874/75(nach dieser Ausgabe wird citiert).— Reinhardtstoettner, Camoes, der Sänger der Lusiader. Eine biogr. Skizze. Leipzig 1877,— Storck, Luis’ de Camoens sämmtliche Gedichte. V. Bd. Die Lusiaden, Paderborn 1833.— ten Brink, Der Lyriker Camoens und sein deutscher Übersetzer. Nr. 13 der Wochenschrift: Im neuen Reich. 1881.
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