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Silbertellers in der Eremitage zu St. Petersburg¹s). Hier interessieren uns freilich weniger die eigentlichen Jäger, ein Jüngling und eine Jungfrau, beide in hohen Sandalen, jener un- bekleidet, diese im kurzen Chiton, noch ihre beiden Jagdsklaven, wohl aber zwei Hunde, die in sehr charakteristischer Auffassung im Vordergrund des Bildes sich in lebhafter Aktion auf einer Fährte bewegen(Fig. 5). Der eine mit ziemlich langem spitzzulaufendem Behang, schieſst, die Nase am Boden, spürend auf der Fährte hin, der andere, gedrungen, mit groſsen Stehohren und kurzer gerader Rute, zeigt mit rückwärts den Jägern zugewandtem Gesicht lautbellend die Nähe eines Wildes an. Der Teller wird von Stephany„mit Zuversicht“ dem zweiten oder dritten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zugeschrieben. Hier sehen wir beide Ohrenformen neben einander und zugleich bei dem einen der Spürer annähernde Ahnlichkeit mit unserem langhaarigen Vorstehhund, einen Typus, der meines Wissens bei Jagdhunden altgriechischer Zeit auf den Bildwerken niemals angedeutet ist. Die einzigen der mir bekannten Hundebilder, welche zottiges Haar zeigen, sind Spitzhundbildchen(Gerh. A. V. 279, 1— 3) und die Darstellungen des Kerberus(z. B. Ingh. II, 136; IV, 392), bei denen die teilweise lange Behaarung jedenfalls den Eindruck der Wildheit hervorrufen sollte. Die langhaarigen Jagdhunde(über den schweren molossischen Hirtenhund siehe unten p. 24) sind in Griechenland in der vorrömischen Zeit sicher nicht vorgekommen, wann und woher sie aber im Römerreich in den Jagdbetrieb eingeführt wurden, bleibt unentschieden. In welchem Teil des heutigen russischen Reiches jene Silberschale gefunden ist, erfahren wir aus Stephanys Bericht leider nicht. Wie viele dieser in Ruſsland gefundenen Kunstwerke griechischer Arbeit wird auch sie von einem Künstler einer griechischen Pflanzstadt am Nordufer des Pontus Euxinus verfertigt und von da in den Besitz eines barbarischen Fürsten der sarmatischen Tiefebene gekommen sein. Auch wie und wann bei dem kurzhaarigen Jagdhund schlieſslich die glatte Rute konstant wurde, oder der lange Behang sich einbürgerte, vermögen wir nicht zu bestimmen. Planmäſsige Züchtung konnte dies Ziel erreichen. Die Vorliebe für die Spitzohren und Fahnen beim glatthaarigen Jagdhund mufste allmählich dem Geschmack an Behängen und glatten Ruten weichen, bis Rückschläge nicht mehr eintraten und beide schlieſslich konstant wurden.
Auf den Bildern aus Xenophons Zeit sind die Ruten meist lang und dünn, teils gerade, teils aufwärtsgedreht, die einen glatt und spitzzulaufend, wie die unserer kurzhaarigen Vorstehhunde, die andern mit allmählich sich verlängernder und gegen das Ende wieder ver- kürzender Fahne, die bald durch Schraffierung, bald nur durch die zunehmende Dicke des Pinselstrichs angedeutet wird. Andeutung durchaus langer Behaarung zeigt sich auf keinem einzigen Bild.(Wie man diese wiederzugeben pflegte, zeigen spitzartige Tiere, A. V. 279, 1—3, welche jungen Palästriten zum Zeitvertreib dienen.) Dagegen sehen wir längere Be-
¹s) Comte-rendu 1867, p. 52 ff.; abgebildet Tab. II, Nr. 4. Das Tier, welches der mit einem zottigen Fell (msodeα) bekleidete Jagdsklave hält und das Stephany„ohne Zweifel“ für einen Hasen erklärt, ist ganz unverkennbar ein Lamm, das jedenfalls als Köder irgend eines Raubtiers Verwendung finden soll. Von einer Hasenjagd, wie Stephany annimmt, kann darum nicht wohl die Rede sein.


