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zur Verfolgung der wilden Ziegen, der flüchtigen Hasen und Rehe zu gebrauchen war, lag er, von Ungeziefer gepeinigt, von den Mägden vernachlässigt, auf dem Mist am Hofthor. Und als Odysseus, von Eumäus begleitet, aber auch von ihm, dem getreuesten Diener seines Herrn, nicht erkannt, seinen Hof betrat, da hob er den Kopf und spitzte die Ohren und wedelte, als er den näherherankommenden erkannte, mit dem Schwanz zum Ausdruck seiner Freude, denn er war zu schwach, seinen alten Herrn durch freudiges Gebell und fröhliche Sprünge zu begrüſsen. Und was that der Herr dieser treuen Anhänglichkeit gegenüber? Er trocknete heimlich, um sich nicht durch seine Rührung zu verraten, die Thräne, die sich ihm ins Auge stahl, konnte es aber als echter und gerechter Jäger nicht unterlassen, danach zu fragen, wie der Hund, den er selbst aufgezogen, aber nicht mehr zur Jagd hatte anführen können, sich vor dem Wilde bewährt habe, indem er sich zugleich über die Luxus- hunde geringschätzend äuſsert. Und erst als er hierüber Auskuunft erhalten, als er gehört hatte, daſs Argus an Spürkraft, Schnelligkeit und Stärke alle andern Hunde weit hinter sich gelassen habe, wandte er sich zum Hause. Das treue Tier aber, in dessen Leben durch die Rückkehr des Herrn noch einmal ein Strahl der Freude gefallen war, that in demselben Augenblick seinen letzten Atemzug. In den Versen: AOyOν νασ εατ ⁴⁷ mε‿ααφμεάν αέαμνοο ϑαυ⁴ατιωοο æòτtνν Iννν dοοσα εειιισατ ετυιασν⁄ι
klingt die ergreifende Erzählung aus.„Die Worte,“ sagt Gladstone, ¹⁰)„tönen so ruhig und still, sie scheinen schwächer und schwächer zu werden, jeder Versfuſs fällt, als ob die letzten Atemzüge gezählt werden sollten.“ Es ist nicht zufällig, daſs zweimal ausdrücklich gesagt wird, dals Argus Jagdhund war, noch weniger aber, dals dem Jagdhund mit einer gewissen Verächtlichkeit die Hunde, die der Reichen Tische umlagern, gegenübergestellt werden, da solche Herren sie nur zum Vergnügen erzögen. So spricht nur einer, der mit Leib und Seele Jäger und sich dessen mit Selbstgefühl bewulst ist. Ja, man könnte daraus, ohne gerade zu kühn zu erscheinen, auch ohne weiteren Anhalt den Schluſs ziehen, daſs von den edeln Griechen die Jagd vornehmlich um ihrer selbst willen geübt wurde. Doch eine andere Stelle ¹¹) spricht geradezu dafür, daſs sie als„noble Passion“ ¹²) betrieben wurde, denn wir erfahren darin, daſs sie zu den Vergnügungen gehörte, die man dem Gast zu Ehren veranstaltete. Als nämlich Odysseus, so wird erzählt, seinen Grolsvater Autolykus in seinem Palast am Parnassus besuchte, da wurde nach herzlichem Empfang ein glänzendes Mahl bereitet und damit der erste Tag der Anwesenkeit des willkommenen Tochtersohnes beschlossen. Für die Unterhaltung des folgenden Tages sorgte der waldbewachsene Par- nassus. Denn als Helios aus dem Ozean emporstieg und mit jungen Strahlen die Wipfel der Bäume vergoldete, da hatten des Autolykus Söhne mit ihrem Gast und groſsem Jagd- gefolge schon die Höhen des Berges erstiegen und durchsuchten die Dickung. Und der Kette der Jäger voran eilte der edle Odysseus, sicherlich nicht deshalb nur, weil jugend-
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) W. E. Gladstone, Homerische Studien, frei bearbeitet von Dr. A. Schuster, Leipzig, Peubner. 1 Pzig 1863. 1¹¹) Od. 19. 428 ff. ¹²) Buchholz II. 1. p. 153.


