Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Günstiger ist die Beurteilung von Paul Lindau in derGegenwart 2. Band 1872, S. 344, obgleich auch er noch manches zu tadeln findet. Er sagt, das Werk sei eher Freytags Kulturgeschichten aus der deutschen Vergangenheit beizuzählen; man wisse nicht, wo die Wissenschaftlichkeit aufhöre und die Phantasie anfange. Und doch rühmt er:Der Dichter reicht uns immer ausgegorenen Trank in kunstvollem Gefäſse zur Labe. In der Schilderung, im Kolorit ist auch Ingo in seiner Weise wieder ein groſses Kunstwerk; ob die Weise aber jedem zusagen wird? Liest man das Buch in der rechten Stimmung, mit der rechten Weihe, so wird es hohen Genuſs gewähren; bringt man aber diese weihe- volle Stimmung der alten Geschichte nicht entgegen, so wird sie unerbittlich zum Spott und Hohn herausfordern. Bewunderung oder Verspottung das ist das Los, welches diesem Werke beschieden ist, ein Mittelding gibt es nicht..... Das Buch ist eben nicht für jeder- mann geschrieben u. s. w. Es wird auf die formalen Eigentümlichkeiten hingewiesen, den Stabreim und den vollständig rhythmischen Gang einzelner Partien. Dieser Rhythmus und das oft Gesuchte in der Ausdruckweise wird getadelt, anderseits diegroſsartige Schönheit mancher Teile hervorgehoben.So ist die Schilderung des Sturmes auf die Burg in Komposition und Anschaulichkeit meisterhaft.

In Ingraban fühlen wir festeren Boden unter unsern Füſsen, fühlen uns sicherer und heimischer..... Ingraban und Winfried sind beide mit groſser Kraft und warmer poetischer Empfindung geschildert. Wie ein feierlicher Choral, in langgezogenen Tönen, klingt weihevoll das Christentum durch den Roman, zuerst von wunderbarer, ergreifender Wirkung, mit der Zeit aber durch die eintönige Erhabenheit etwas ermüdend. Besonders in den ersten Kapiteln macht die kindlich groſse und gläubige Sprache des Winfried einen bedeutenden Eindruck, aber es ist gleichsam ein Oratorium, in dem ein Choral auf den anderen folgt. Er vergleicht das OratoriumPaulus von Mendelssohn. Auch hier findet der Recensent oftabsonderliche und erzwungene Redewendungen, zuweilen gemachte Naivetät, und stelltsprachliche Raritäten zusammen(Wustung, Berglaite, langlodig u. s. W.).Ingraban begleitet schlieſslich Winfried in das Land der Friesen, und dort werden beide getötet. Dieses traurige Nachspiel ist auch in der dichterischen Darstellung matt. Als besonders schön hebt er hervor die Schilderung der Flucht Ingrams aus dem Lager des Ratiz(sie gehört zu den schönsten Seiten der Freytagschen Dichtung, sie ist geradezu ein Meisterwerk). Auch die Schilderung, wie Ingram den Ratiz erschlägt, ist von wunderbarer Schönheit. Als eineprächtige Episode wird die Erzählung von Memmo bezeichnet, als einedramatische Scene die, in welcher Ingram das Schwert gegen den Bischof zieht, alsherrliche Seiten die, welche vonm dem ersten Erklingen der christlichen Glocke berichten. Zum Schlufs:Ingo und Ingraban ist das Werk eines echten Deutschen, eines ernsten Gelehrten und bedeutenden Dichters.

Eine Besprechung von B. Auerbach in der Beilage zur Augsburger Allgemeinen Zeitung 1873 Nr. 11 ist reich an tiefgehenden philosophischen Gedanken und Betrachtungen, die Widmung wird sehr gründlich besprochen und in ihren einzelnen Sätzen kritisiert, homerische Analogieen zusammengestellt und das Verschiedene auch betont, die Exposition als besonders gelungen bezeichnet(was Ingo bei seiner Ankunft sieht